Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 19.04.2019

Ist das wirklich wahr?“; Gottesdienst an Karfreitag

„Ist das wahr?“, so fragen Kinder und schauen einen mit großen Augen an, wenn man eine besondere Geschichte erzählt. Nächste Woche bei der Kinderbibelwoche wird die Frage wahrscheinlich am 3. Tag gestellt werden, wenn wir vom großen Fisch erzählen, der Jona verschluckt und wieder ausspuckt. „Ist das wahr?

„Echt jetzt?“, so fragen Jugendliche. „Echt jetzt?“ wunderten sich Jugendmitarbeiter beim KiBiWo-Vorbereitungstreffen, als einer erzählte, dass im März wirklich ein deutscher Taucher vor Südafrika von einem Wal verschluckt und Gott sei Dank nach wenigen Sekunden wieder ausgespuckt wurde.

„Ist es wahr?“ so fragen auch wir Erwachsenen – meist, wenn´s ernst wird:

Ist es wirklich wahr, dass Notre-Dame in 5 Jahren aufgebaut werden kann? Ist es wahr, dass ein deutscher Regierungsflieger fast abgestürzt wäre? Ist es wirklich wahr, dass es immer noch Busunfälle gibt, bei denen so viele Menschen sterben müssen, wie jetzt auf Madeira?

Der Karfreitag, liebe Gemeinde, ist ein Tag der Fragen. Am Karfreitag stellen sich Fragen des Lebens. Wen wundert´s?! Denn was da geschehen ist, widerspricht allem, das wir vom Leben erwarten und erhoffen. Jesus stirbt am Kreuz. Gottes Sohn, der auf die Welt kam, um Leben zu bringen, wird getötet. Das ist unerklärlich. Da bleibt nur noch ein großes Fragezeichen. Wenn so etwas passiert, welchen Sinn hat da das Leben noch? Dann steht sogar Gott selbst in Frage. Nicht nur für uns. Die Frage hören wir auch von Jesus am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Mein Gott, warum? Wir müssen uns keine falschen Hoffnungen machen, diese Frage wird auch in 100, wohl noch in 1000 Jahren gestellt werden und ohne Antwort bleiben; in Notzeiten, Leidensstunden und an Karfreitagen.

Der Karfreitag ist ein Tag der Frage nach dem Warum. Doch nicht nur danach. Kurz vor Jesu Kreuzigung wurde noch eine andere, bedeutsame Frage gestellt. Jesus wird vom römischen Statthalter Pilatus verhört. Es geht um die Anklage, um Jesu Person und Mission. Jesus sagt während des Verhörs: „Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.“ Und dann die große Frage von Pilatus: „Was ist Wahrheit?“

Es hätte der Beginn eines tiefgründig-hochtheologischen Gesprächs werden können, über den Grund, den Sinn, das Ziel des Lebens. Doch auf die Frage folgt - Nichts! Denn - so steht es im Johannesevangelium - Pilatus ging hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten. „Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus nicht, weil er anfängt, sich für die Wahrheit zu interessieren, sondern weil er damit längst aufgehört hat. Die Wahrheit ist ihm egal, ihm geht es nur um Macht. Für seinen eigenen Vorteil lässt er Jesus kreuzigen. Schlechtes Gewissen? Nein. Kann er noch in den Spiegel schauen? Ja, kein Problem für ihn. Er wäscht seine Hände in Unschuld und fragt abfällig, spöttisch und zynisch: „Was ist schon Wahrheit?!“

Mit dieser Frage wurde Pilatus zum antiken Vorboten des heutigen „postfaktischen Zeitalters“. „Postfaktisch“ wurde zum Wort des Jahres 2016 gewählt und bezeichnet die Bereitschaft, Fakten zu ignorieren und Lügen zu akzeptieren, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Wahrheit wird zum Spielball von politischen Interessen. Auf die Spitze getrieben wurde die staatlich legitimierte Lüge bei der Amtseinführung von US-Präsident Trump. Als die Behauptung, bei seiner Amtseinführung seien so viele Zuschauer gewesen, wie nie zuvor, mit Indizien widerlegt wurde, sprach man im Umfeld Trumps von „alternativen Fakten“. Es wurde das Unwort des Jahres 2017.

Warum „alternative Fakten“ und „fake News“ so leichtes Spiel haben, ist erforscht worden. Das Ergebnis ist erschreckend: Falsche Nachrichten verbreiten sich schneller als richtige. Und Menschen reagieren stärker auf schlechte Nachrichten als auf gute. In Urzeiten war das wichtig fürs Überleben, heute kann es zur Gefahr fürs Leben werden. Jesus kostet es das Leben. Verschwörungstheorien, Angstmache durch die herrschenden Eliten seiner Zeit, - fake news würden wir heute sagen - bringen ihn ans Kreuz. Der Karfreitag erinnert uns an Jesu Schicksal und mahnt uns zur Vorsicht, wie wir mit Meinungen und Meinungsmache, wie wir mit der Wahrheit umgehen.

„Was ist Wahrheit?“, ist keine leichte Frage. Darüber haben sich große Philosophen und Theologen die Köpfe zerbrochen. Und auch für jeden und jede von uns stellt sich täglich die Frage, wie wir es mit der Wahrheit halten. Was glauben Sie, wie oft Sie am Tag lügen? 5, 10, 20-mal? Weit gefehlt! Im Schnitt lügen wir 200 Mal am Tag! Keine Ahnung, wie Forscher auf diese Zahl gekommen sind, aber wenn ich mir einen Tag meines Lebens anschaue, komme ich nie und nimmer auf 200. Ich kann es mir nicht wirklich erklären: Vielleicht bin ich anders, vielleicht sind wir als Christen anders und nehmen es mit der Wahrheit ein wenig ernster. Wer weiß?!

„Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.“, so sagt es Jesus zu Pilatus, und fährt fort: „Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ Jesus geht es weniger um Fakten als vielmehr um seine Person. Durch das, was Jesus sagt, was er tut, wie er ist, erkennen wir die Wahrheit. Durch ihn können wir erkennen, wer Gott ist, wer der Mensch ist, und wie wir zueinanderstehen.

Wenn wir uns anschauen, wie Jesus mit seinen Mitmenschen umgegangen ist, besonders mit denen, die abgeschrieben waren; wie Jesus mit der Wahrheit umgegangen ist, auch wenn sie unbequem war, dann können wir uns daran ein Beispiel nehmen. Dann kann das auch unseren Umgang mit der Wahrheit und das Leben verändern.

Wahrheit und Leben, hier klingt schon in biblischen Zeiten und Texten etwas an, das in heutiger Wahrheitsforschung hervorgehoben wird. Sie unterscheidet Wahrheit in zwei grundsätzliche Arten:  

Die eine Art von Wahrheit nennt sich Tatsachenwahrheit. Bei Tatsachenwahrheit geht es darum, ob eine Aussage den Tatsachen entspricht. Das lässt sich objektiv überprüfen.

Daneben gibt es die personale Wahrheit. Diese steht mit uns als Person in Verbindung. Nehmen wir den Satz: Er ist ein wahrer Freund! Da geht es nicht um Tatsachen, sondern dass wir uns auf eine Person verlassen können. Personale Wahrheit gibt Orientierung für ein Leben im Miteinander.  

Von der personalen Wahrheit hat Jesus bereits vor seinem Verhör bei Pilatus gesprochen. Jesus sagt dort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ (Joh 14,6). Was für eine unglaubliche Behauptung! Nicht, ich kenne die Wahrheit oder ich zeige euch den Weg zur Wahrheit. Nein: Ich bin die Wahrheit! Dieser Satz ist nur als personale Wahrheit zu verstehen. Jesus als die Wahrheit, das kann niemand beweisen, das ereignet sich in der Begegnung mit ihm. Das passiert nicht auf einen Schlag; Zack - und plötzlich weiß ich die Wahrheit. Ob Jesus die Wahrheit ist, ob er mir durch sein Reden und Handeln, durch seine besondere Gottesbeziehung Antworten auf meine Lebensfragen geben kann, zeigt sich jeden Tag neu. Da muss ich mich auf einen Weg begeben, und dieser Weg führt durchs ganze Leben. Nicht umsonst hat Jesus von sich gesagt: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!

- Ich bin der Weg, sagt Jesus. Das heißt: Ich bin unterwegs und kann mich an Jesu Wegweisung orientieren.

- Ich bin die Wahrheit, sagt Jesus. Das heißt: Ich kann mich auf Jesus verlassen, und daher kann ich jemand sein, auf den sich andere verlassen können.

- Ich bin das Leben, sagt Jesus. Das heißt: Es gibt ein Leben in guter Gemeinschaft, für mich und meine Nächsten.

Jesu personale Wahrheit verbindet Menschen zu einer Gemeinschaft im Dienst der Nächstenliebe. Das ist ganz anders als die Tatsachen-Wahrheit des Pilatus: Der wägt die Fakten ab, und entscheidet in seinem eigenen Interesse. Seine Wahrheit ist endgültig, bringt Jesus ans Kreuz. Die Wahrheit Jesu hingegen ist nicht endgültig festgelegt und fertig, macht keine Menschen fertig, sondern bleibt offen fürs Leben. Wenn ich einem Menschen begegne, ist immer neu zu prüfen, was Wahrheit ist; sie muss immer neu zeigen, was zum Leben hilft. So vielschichtig das Leben ist, so mehrdimensional ist die Wahrheit. Wir können sie suchen, sie entdecken, aber wir können nie ganz über sie verfügen.

Von daher hat Wahrheit viel mit Toleranz zu tun. Meine Wahrheiten muss ich immer wieder mit den Wahrheiten anderer verhandeln. Das war auch Grundprinzip des Weges Jesu: Mit Leib und Leben - im wahrsten Sinne des Wortes - ist er auf die zugegangen, die anders waren und andere Wahrheiten vertraten, bis zum Schluss am Kreuz.

Deshalb stellen wir am Kreuz nicht nur die große Frage nach dem Warum, so wie Jesus. Dort am Kreuz erkennen wir auch Jesu konsequenten Weg der personalen Wahrheit. Jesus in Person stellt eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen her, durch den Tod am Kreuz hindurch.

„In der aramäischen Sprache, die Jesus selbst gesprochen hat, steht für „Wahrheit“ das Wort „emuna“. Und „emuna“ heißt wörtlich übersetzt „Treue“.

Jesus hat auch am Kreuz an der Treue festgehalten; die Treue Gottes, auf die er immer vertraut hat. Gott, der die Welt geschaffen hat, der uns seine Kinder nennt, der in seiner Liebe an uns festhält - kann ein Gott, der so treu ist, uns jemals verlassen und fallen lassen? Jesu Antwort ist: „Nie und nimmer!“ Auch wenn er am Kreuz stirbt, auch wenn die Tatsachenwahrheit sagt, er hat verloren, er ist tot; so hält Jesus an der personalen Wahrheit fest: Die Treue Gottes ist nicht am Ende. In diese Treue Gottes gibt er sich ganz am Schluss am Kreuz: „Vater, ich befehle meinen Geist, mein Leben in deine Hände.“

Und der Tod hatte nicht das letzte Wort. Der Karfreitag war nicht das Ende. An Ostern erlebten seine Jünger/innen die Wahrheit von der Treue Gottes, die Leben schenkt. Viele - bis heute - fragen sich, ob das nicht fake news waren; die Auferstehung als gefälschte Nachricht. Für Christ/innen ist es anders: Nicht fake news sondern faith news: Nicht Falschnachricht, sondern Glaubensnachricht.

Der Glaube an die Wahrheit, dass Gott das Leben ist und schenkt; der Glaube an die Wahrheit, dass kein Warum, kein Leid, kein Tod uns trennen kann von Gottes Liebe - das ist die Wahrheit, für die Jesus gelebt hat und gestorben ist, und für die er auferstanden ist. Das ist die Wahrheit, für die Pilatus keine Zeit mehr hatte. Denn es ist eine Wahrheit, die nicht nur für die eigenen Interessen gilt, sondern für das Leben aller.

Amen

- EG 619, 1-4  Du bist der Weg u. die Wahrheit u. das Leben

Tageslosung

Weh dem, der mit seinem Schöpfer hadert, eine Scherbe unter irdenen Scherben! Spricht denn der Ton zu seinem Töpfer: Was machst du? (Jesaja 45,9)

nächste Gottesdienste

Sonntag (21. April, Ostersonntag)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Stadtkirche)
10:00 Uhr: Gottesdienst (Friedenskirche)
10:00 Uhr: Familien­gottesdienst mit Taufen (Pauluskirche) Taufe
10:30 Uhr: Gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31)

Montag (22. April, Ostermontag)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Stadtkirche)
10:00 Uhr: Gottesdienst (Friedenskirche)
10:00 Uhr: Gottesdienst (Pauluskirche)

Mittwoch (24. April)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Pflegezentrum Haus an der Metter)

Freitag (26. April)

16:00 Uhr: Ökumenischer Gottesdienst (Pflegeheim Haus Caspar, Gartenstr. 8)