Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 20.01.2019

„Auf jeden Fall Heilige…“ Röm 12, 9-15

Ein frommer und gottesfürchtiger Schreinermeister kommt in den Himmel und sagt vorwurfsvoll zu Petrus: „Wieso habt ihr mich schon hergeholt, ich bin doch erst fünfzig Jahre alt?“ Petrus antwortete: „Wir haben die Rechnungen gelesen, die du deinen Kunden geschrieben hast. Wir haben die Arbeitsstunden zusammengezählt, die du in Rechnung gestellt hast, und danach müsstest du vierundneunzig sein.“

Liebe Gemeinde, der Witz vom frommen Schreinermeister ist ein bisschen frech, gefällt mir aber. Ist es nicht wirklich so, dass auch Christen nur Menschen sind, mit all ihren kleinen oder großen Schwächen, Tricks und Raffinessen!? Das mit einem Lachen zuzugeben, ist nicht das Schlechteste.

Der fromme und geschäftstüchtige Schreinermeister im Witz regt mich auch zum Nachdenken an. Wie verhalten wir Christen uns? Sind wir schlechter oder besser als andere? Sind wir gar etwas Besonderes?

Vor den Taufen haben wir das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen und haben uns zur „Gemeinschaft der Heiligen“ bekannt. Das sagen wir so, aber konkret darüber nachgedacht: Ich als Heiliger – wohl eher nicht…

Wenn, dann müsste ein Heiliger sein wie Martin Luther King, an dessen Geburtstag diese Woche erinnert wurde. Sein gewaltfreier Kampf gegen Ungerechtigkeit und für die Rechte der Afroamerikaner bleibt unvergessen. Durch seinen Einsatz und den von anderen wurde die Rassentrennung in den USA aufgehoben und die schwarze Bevölkerung bekam das Wahlrecht. Für sein Engagement für soziale Gerechtigkeit bekam Martin Luther King 1964 den Friedensnobelpreis. Was für ein Leben!!! Martin Luther King wäre diese Woche am 15. Januar 90 Jahre alt geworden – wäre er nicht mit 39 Jahren von einem Attentäter erschossen worden.

Wenn wir an Heilige denken, dann an solche Männer und Frauen, stark und unerschütterlich, manchmal bis in den Tod. Aber ich ein Heiliger - wer würde das von sich sagen?

Ihr alle, die ihr heute hier in der Friedenskirche seid, gehört zur Gemeinschaft der Heiligen. Ihr Männer und Frauen, ihr Konfirmand/innen und Senior/innen und ihr dazwischen - jeder und jede von euch ist heilig! Klingt etwas komisch, nicht wahr?! Heilig – ich weiß nicht! Aber ein gutes, anständiges Leben führen, klar, das wünschen wir uns alle. Wie das aussehen könnte, davon hören wir heute in unserem Predigttext. Das Wort „heilig“ kommt nicht vor, aber wenn wir die Sätze des Apostel Paulus an die Christen in Rom hören, dann denken wir wohl schon an ein besonders heiliges Leben. Hört selbst:         (Röm 12,9-15)

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

Siebzehn Ratschläge in 7 Versen, das ist schon heftig viel. 17 Aufforderungen für ein gutes Leben, Paulus hängt die Latte ziemlich hoch. 17 Verhaltensweisen, an denen man erkennen soll, dass wir Christen eine Gemeinschaft der Heiligen sind, Gottes Kinder – was für ein Anspruch! Selbst wenn ich die 17 auf 3 Merkmale zusammenfasste, wäre es drei Nummern zu groß:

  1. Liebt ohne Vorurteil.
  2. Durchbrecht den Teufelskreis von Hass.
  3. In Freud und Leid gebt immer das Beste.

Aller guten Dinge sind drei – eigentlich ganz einfach! Und zugleich so schwierig. Das fängt schon von Kindesbeinen an, mit den guten und gutgemeinten Ratschlägen:

Als Kinder: Wasch die Hände! Schmatz nicht! Sag „Danke“!

In der Schule geht es weiter: Mach deine Hausaufgaben! Übe das Einmaleins! Lerne die Vokabeln!

Und es hört nicht auf, auch nicht im Erwachsenenalter: Fahr weniger Auto! Iss vegetarisch! Kaufe fair und bio!

Und sogar in der Kirche gibt es Ratschläge: Glaube an Gott und liebe deine Nächsten! Mach mit in der Jugendarbeit! Geh zur Kirchenwahl, oder besser noch, kandidiere! Feier mal wieder mit uns Gottesdienst.

Ganz ehrlich, auch ich als Pfarrer rutsche da hinein: Vielleicht nicht in der Form von Ratschlägen, dafür aber als Werbung in eigener Sache, auf bunten Plakaten und einer modernen Homepage oder schönen Kampagnen der Kirche. Bald vielleicht auch auf Smartphone-Apps oder Streams. Oder wir greifen auf Altbewährtes zurück, wie Paulus seine 17 Ratschläge an die Gemeinde in Rom. 2000 Jahre alte Antworten von Gestern. Oder sind es Ideen für morgen? Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen, dann dürfen wir sie nicht als Ratschläge lesen. Denn so waren sie – wenn ich Paulus richtig verstehe – auch nicht gemeint.

Paulus schreibt an die junge, kleine Christengemeinde in der Weltstadt Rom. Aber der Apostel beginnt nicht, seine Glaubensgeschwister zu belehren, wie sie sich in dieser lauten, bösen, unchristlichen Stadt verhalten sollen, oder dass sie sich noch besser aus allem heraushalten sollen. Paulus beginnt gar nicht mit Ratschlägen. Unser Text steht im 12. Kapitel, da biegt der Brief schon auf die Zielgerade ein. Zu Beginn seines Briefes schreibt er, dass die Welt nicht in Ordnung ist. Kein besonders erbaulicher Anfang für einen Brief, aber sehr realistisch - leider.

Nun könnte Paulus mit den Ratschlägen für ein gutes Leben in der schlechten Welt fortfahren. Aber von wegen. Zehn Kapitel lang schreibt Paulus etwas ganz Anderes, nämlich, was Gott tut: wie Jesus auf die Welt kommt, wie das Gute Einzug hält. Wie er nicht mal kurz die Welt rettet, sondern sie langfristig verändert. Wie neues Leben möglich wird, weil er mit Jesus auch uns auferweckt. Zehn Kapitel lang schreibt Paulus von der Liebe Gottes, die in Jesus Hand und Fuß bekommt. Und erst dann, am Ende schreibt er, wie wir aus dieser Liebe Gottes leben können. Es muss nicht alles beim Alten bleiben. Neues kann werden. Jetzt also, Bahn frei für das Leben!

- Liebt ohne Vorurteil.

- Durchbrecht den Teufelskreis von Hass.

- In Freud und Leid gebt immer das Beste.

Drei aus 17, aber nicht Ratschläge, sondern eher Versprechen. Nicht ihr müsst, sondern ihr könnt ein gutes Leben leben. Denn einer hat es vorgelebt: Gott selbst! Mach es wie Gott, werde Mensch!

- Wer sich von Gott geliebt weiß, kann lieben ohne Vorurteil.

- Wer von Gott Versöhnung erfährt, kann auf Hass verzichten.

- Wer sich von Gott geachtet fühlt, kann auf andere achten.

Den Anfang macht Gott, dann kommen wir. So sind wir Teil der „Gemeinschaft der Heiligen“. Nicht weil wir etwas Besonderes, weil wir besser als andere wären; sondern weil wir zu Gott, dem Heiligen gehören. Gott spricht uns heilig, deshalb sind wir Heilige. Wir werden es nicht durch Ratschläge, wie wir die Welt verbessern sollen. Im Neuen Testament ist zuerst nicht von Weltveränderung die Rede, sondern von Menschenveränderung. Doch dann kann es Kreise ziehen, über die Gemeinschaft der Heiligen hinaus in eine Gesellschaft des Miteinanders.

Diese Vision hat Martin Luther King gelebt und hat viele mitträumen lassen. „I have a dream“, so sagte er es in seiner berühmten Rede, die er 1963 in Washington vor 250.000 Mitdemonstrierenden hielt. Doch Martin Luther King hat nicht nur geträumt, sondern hat seine Vision auf die Straße getragen und hat es konkret ins Leben übersetzt. Drei seiner Gebote der Gewaltfreiheit will ich heute lesen. Hört genau zu. Erst einmal klingt es wie bei Paulus nach Ratschlägen. Aber Ausgangspunkt ist auch bei ihm nicht der Mensch, der die Welt retten soll. Auch bei ihm steht am Anfang ein anderer:

- Geh und sprich liebevoll, denn Gott ist die Liebe.

- Meditiere täglich über die Lehre und das Leben Jesu.

- Bete täglich, Gott möge dich brauchen, damit alle Menschen frei werden.

Paulus hat davon geschrieben, Martin Luther King hat davon gepredigt, und beide haben geglaubt, dass die Liebe Gottes die Menschen verändern kann. Und beide haben ihren Glauben in ihre Gemeinden getragen und hinaus auf die Straßen und Plätze. Sie vertrauten darauf, dass die von Gott veränderten Menschen auch die Welt verändern können - bis heute, ganz konkret.

- Liebt ohne Vorurteil: Wo junge Menschen ihren Platz im Leben suchen, da können Christen ihnen zeigen, wie unendlich wertvoll sie sind.

- Durchbrecht den Teufelskreis von Hass: Wo die soziale Not immer drängender wird und der Friede gefährdet ist, ermutigt uns der Glaube, füreinander einzustehen.

- In Freud und Leid gebt immer das Beste: Wo Menschen scheitern oder siegen, können Glaubende ihnen nahe sein, trösten oder mitfeiern.

Wir sind Gemeinschaft der Heiligen. Wir sind heilig, denn wir haben Gottes bedingungslose Liebe im Rücken und Jesu großen Lebenstraum vor uns. Wenn das keine Chance ist, die wir leben können! Denn wir können sicher sein, dass Gottes Heiligkeit für alle reicht. Ich denke, da hat auch unser frommer Schreinermeister vom Anfang noch eine Chance verdient, und der Witz bekommt nun am Schluss von mir eine Fortsetzung:

Als ihn der Schreinermeister ungläubig anstarrte, lachte Petrus lauthals los: „Mensch, Schreinermeister, war nur ein Witz! Auf geht´s, du bekommst noch eine Chance.“ Und der Schreinermeister kehrte zurück auf die Erde, und er nutzte die Chance. Die restlichen Jahre, die ihm geschenkt wurden, lebte er wie ein Heiliger - heilig wie wir alle, weil er verstanden hatte: Ich mach es wie Gott, der Heilige - ich werde Mensch.

Amen

Tageslosung

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