Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 23.09.2018

„Hinfallen, aufstehen und dann?“; Jes 49, 1-6

„Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.“ Diesen Spruch findet man auf Postkarten und Wandbildern, auf Pinterest und Instagram. „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.“ Der Spruch ist unter Jüngeren sehr beliebt, denn er beschreibt ein junges Lebensgefühl: Mach´s wie ein Prinz oder Prinzessin: Wenn du hinfällst - macht nichts. Aufstehen, Krone drauf, Kopf hoch!

Manche Menschen können es tatsächlich so leicht nehmen. Aber bei Vielen ist Fallen, ist Scheitern meist kein Spaß. Im Gegenteil, es ist oft eine harte Landung. Und in wirklichen Krisen hilft kein: Rappel dich auf! Denken wir an Petrus, von dem wir vorhin gehört haben. In der entscheidenden Situation verleugnete er dreimal Jesus, seinen Freund und Meister. Ich kann´s verstehen: Petrus fürchtete sicher um sein eigenes Leben. Am Ende kräht der Hahn, Petrus wird es klar und weint bitterlich. Sagen Sie so jemandem mal: Macht nichts! Aufstehen, weitergehen!

Wenn wir wirklich tief fallen, hilft das nicht. Fehler und Misserfolge können wir nicht abschütteln wie Staub von der Straße nach einem Sturz. Wenn wir scheitern, müssen wir genauer hinschauen. Wie ist das mit dem Scheitern bei uns? Zieht es uns den Boden unter den Füßen weg oder behalten wir einen kühlen Kopf? Nimmt es uns lange mit oder kommen wir schnell darüber hinweg?

Heute hören wir in unserem Predigttext von einem, der ist hochwohlgeboren, war stark - aber dann fällt er. Alles scheint für ihn gescheitert. Die meisten vertuschen solche Niederlagen am liebsten. Doch dieser hält nicht hinterm Berg damit. Er spricht darüber zur ganzen Welt. Er weiß, es betrifft, es trifft auch viele andere. Wir hören seine Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Hört mir zu, ihr Inseln und ihr Völker in der Ferne, merkt auf! Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an; er hat meines Namens gedacht, als ich noch im Schoß der Mutter war. Er hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mit dem Schatten seiner Hand hat er mich bedeckt. Er hat mich zum spitzen Pfeil gemacht und mich in seinem Köcher verwahrt.
Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.
Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz
(…). (Jes 49, 1-4)

Da redet einer, der von Anfang an etwas Besonderes ist. In der Bibel wird er „Gottesknecht“ genannt; nicht, weil er von Gott geknechtet wird, sondern weil er Gott zu Diensten steht, Gott ganz nahesteht. Bis heute wird gerätselt, wer der „Gottesknecht“ sein könnte: Der Prophet Jesaja selbst oder ein anderer Gottesgesandter? Das Volk Israel oder ein großer König? Wir wissen es nicht, aber auf jeden Fall ist es einer, den Gott auserwählt hat für Großes. Doch genau dieser sagt: Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.

Solche Gedanken kenne ich auch von mir und von anderen. Nach außen hin läuft es gut, gekrönt mit Erfolg und guter Laune. Aber tief innen die Zweifel: Wird es tatsächlich gelingen? Kann ich es wirklich schaffen? Die Erwartungen sind doch unerfüllbar. Pläne und Träume platzen. Scheitern ist vorprogrammiert.

Scheitern ist ein großes Thema, für viele Menschen. Die Angst vor dem Scheitern hindert uns, Neues zu wagen. Dabei geht es nicht nur darum, dass ich zu schwach, zu klein, zu blöd wäre. Es gibt auch Umstände, Mächte und Situationen, die stärker sind als all unser Mühen und Streben. Beispiel Frieden - ein Thema, das mich schon lange bewegt. Dieses Wochenende stand es besonders im Mittelpunkt:

Am Freitagabend das Glockenläuten zum Weltfriedenstag – in ganz Europa, und mittendrin wir in Bietigheim-Bissingen. Und gestern bei unserer Kirchengemeinderatsklausur – einen Tag beschäftigten wir uns mit dem Frieden. Wo ist Frieden, wenn auf Straßen wieder rechte Hassparolen gebrüllt werden, wenn auf 5 von 7 Kontinenten bewaffnete Konflikte ausgetragen werden, und wenn Rüstungsausgaben erhöht werden, es aber zugleich an Pflege und Wohnraum mangelt? Sozialer und weltweiter Frieden - ist es eine unlösbare Aufgabe? Ist der große Menschheitstraum gescheitert? 

Scheitern ist eine Menschheitserfahrung, nicht nur beim Thema Frieden. Aber warum haben viele heute den Eindruck, dass es besonders schlimm ist? Woher der Frust? Warum wirft es so viele aus der Bahn, obwohl die Lebensumstände bei uns so gut sind, wie wohl noch nie?

Ich glaube es liegt an unserem modernen Lebenskonzept. Leben ist für viele eine Abfolge von Projekten: Schule, Beruf und Karriere; Beziehung, Liebe und die eigenen Kinder – alles wird zum Projekt. Projekte muss man exakt planen, strukturiert durchführen und erfolgreich zum Ziel führen. Wir haben es in der Hand, wenn wir es nur richtig angehen! So denken viele, so wird es uns eingeredet. Doch wehe, das Projekt Leben misslingt – dann ist es unser persönliches Scheitern. Im Job versagt – selber schuld! Die Beziehung zerbrochen – nicht genug geliebt! Das Projekt Frieden gescheitert – Ziel nicht erreicht!

Doch das Leben ist kein Projekt, das wir meistern müssen. Gelingen oder Scheitern, beides gehört zum Leben; es liegt nicht immer in unserer Hand. Aber es ist die Frage, wie wir damit umgehen, wenn etwas schiefläuft. Schnell drüber hinweggehen, schnell wieder funktionieren?  „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen.“

Mir fehlt in dem Spruch die Zeit. Wenn wir gefallen sind, braucht es Zeit. Es braucht Zeit, um mit dem Scheitern umgehen zu lernen. Es braucht Zeit, um neue Kraft zu sammeln. Es braucht Zeit, um mutig den nächsten Schritt zu gehen.

Wenn schon hingefallen, dann hoffentlich so: Hinfallen, langsam aufstehen und gestärkt neu ins Leben gehen. 

Noch etwas fehlt mir in dem Spruch vom Hinfallen: Die anderen! Wo bleibt die Zuwendung, die Hilfe? Ich wünsche mir Menschen, die an den Gefallenen nicht achtlos vorbeigehen, sondern ihnen zur Seite stehen. Ich wünsche mir Menschen, für die nicht die Krone auf dem Kopf zählt, sondern die den Kopf von Traurigen in den Arm nehmen und trösten. Wenn schon Krone, dann bitte schön so wie in Psalm 103, den wir zu Beginn des Gottesdienstes gebetet haben: Lobe den Herrn, meine Seele, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Wenn schon hingefallen, dann hoffentlich so: Hinfallen, mit Barmherzigkeit gekrönt und aufgefangen werden.

Aufgefangen werden, so hat es Kristina Vogel erfahren. Die Ausnahme-Athletin hat im Radsport alles erreicht, bis zum Olympiasieg. Aber seit einem schweren Trainingsunfall im Juni ist sie vom 7. Brustwirbel abwärts gelähmt. Nie mehr Radfahren, nie mehr gehen, was für ein Schicksalsschlag! In der vergangenen Woche hat sie sich in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Und da sprach sie nicht von dem Schrecklichen, sondern sagte: "Ich habe vor Freude geweint, als ich aus dem Koma erwacht bin und gemerkt habe, welche Anteilnahme es auf der ganzen Welt gibt.“ Bei ihrer Familie, ihrem Freund und vielen anderen hat sie Halt erfahren, hat sich nach dem Sturz aufgefangen gefühlt.

Auch der Gottesknecht in der Bibel fühlt sich aufgefangen. Auch er erlebt einen Sturz, fühlt sich sogar als gescheiterter Versager. Dennoch weiß er sich aufgefangen und gehalten – vom Allergrößten, von Gott selbst. Nicht weil er seinen Projekt-Auftrag grandios erfüllt hätte, sondern im Scheitern erlebt er, dass er von Gott geachtet und geliebt ist, als wertvoller und besonderer Mensch.

Doch da ist noch mehr. Der Gottesknecht erlebt Gott nicht nur als Schutzraum und Halt für die Gescheiterten. Das wäre schon großartig genug, auch und gerade in heutigen Zeiten. Aber dabei bleibt es nicht: Der Gottesknecht erlebt, dass Gott gerade den, der gescheitert ist, neu losschickt, mit einem großen Auftrag, hinaus in die Welt:

Ich bin vor dem Herrn wert geachtet und mein Gott ist meine Stärke – er spricht: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Jakobs wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde. (Jes 49, 5b-6)

Das ist unglaublich, was wir hier hören: Ein Versager soll zum Licht für die Welt werden. Nicht einem Siegertyp, sondern einer gescheiterten Existenz vertraut Gott seine Welt-Botschaft an. Das ist atemberaubend: Wer von uns würde so handeln, in der Schule, im Beruf, in der Kirche? Eine zweite Chance, o.k. - aber den großen Auftrag, nein, den bekommt nur der Beste. So läuft es in unserer Welt.

Anders bei Gott. Warum? Vielleicht, weil der Starke nur eine Seite des Lebens kennt, die gelingende Seite, wenn das Projekt erfolgreich zu Ende geführt wird. Der Gescheiterte aber kennt beide Seiten. Er kann mit denen mitfühlen, die auch scheitern. Er weiß, wie es ist. Und er weiß, das Leben ist kein Projekt, sondern ein Geschenk Gottes. Das Geschenk Leben beinhaltet, dass man auch scheitern kann, und trotzdem Mensch bleibt, mit Gott an unserer Seite.  

Für mich, wie für viele Menschen hat Jesus diesen Glauben auf besondere Weise in die Welt gebracht. Jesus ging gerade zu den gescheiterten Existenzen, um sie aufzurichten; und er ging zu den Siegertypen, um ihnen die Augen zu öffnen. Jesus ging den Weg schließlich konsequent bis ans Kreuz; am Ende er selbst eine gescheiterte Existenz. Bis die Menschen sahen, bis sie im Glauben erkannt haben: Selbst hier, ganz am Ende ist Gott. Er bleibt an unserer Seite. Gott selbst wird ein Gescheiterter, um aus dem Fallen neu aufzurichten.

Wenn schon hingefallen, dann hoffentlich so: Hinfallen, Scheitern mit Gott durchstehen und zum Licht werden.

So ist Jesus für viele zum Licht geworden. Petrus war einer der ersten: Der, der so kläglich versagt, der 3 Mal verleugnet hat, wird von Jesus dreimal auf seine Liebe angesprochen, und dann bekommt er den Auftrag, zum Licht zu werden. Mit dem gescheiterten Petrus beginnt der Weg der Kirche.

Der Hahn auf unseren evangelischen Kirchen erinnert uns bis heute daran. Ob du stark oder schwach, erfolgreich oder gescheitert bist, hier kannst du eintreten. Hier gibt es Zeit, neu Kraft und Mut zu sammeln. Hier sind Menschen, die die verschiedenen Seiten des Lebens kennen und sich gegenseitig aufhelfen. Hier ist ein Raum, in dem du Frieden finden kannst, weil Gott ihn schenkt. Diesen Frieden können wir aus der Kirche hinaustragen in die Welt – auch wenn wir scheitern solten. Denn für uns gilt:

„Hinfallen, mit Barmherzigkeit gekrönt und aufgefangen werden; langsam aufstehen und gestärkt neu ins Leben gehen; Scheitern mit Gott durchstehen und zum Licht werden.“

Amen

Tageslosung

Recht und Gerechtigkeit tun ist dem HERRN lieber als Opfer. (Sprüche 21,3)

nächste Gottesdienste

Samstag (20. Oktober)

18:00 Uhr: Gottesdienst (Krankenhaus Bietigheim, Raum der Stille)

Sonntag (21. Oktober, 21. So. n. Trinitatis)

10:00 Uhr: Gemeinsamer Gottesdienst (Stadtkirche)
10:30 Uhr: Abend­mahls­gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31) Abendmahl
19:00 Uhr: GutenAbendKirche (Pauluskirche)