Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 16.06.2019

„Mit freundlichen Segensgrüßen“;  Trinitatis, 2. Kor. 13, 11+13

“Mit freundlichen Grüßen“, liebe Gemeinde, es ist die Grußformel am Ende von Briefen - aber nicht in allen.

„Mit freundlichen Grüßen“ schreiben wir in formal-geschäftlichen Briefen. Niemals würden wir so einen Liebesbrief beenden. Da heißt es dann eher: „Ich umarme dich…“, oder „Gruß und Kuss, …“, oder ganz jugendlich: „HDGDL – Hab dich ganz doll lieb“. Das Wichtigste kommt zum Schluss, das bleibt hängen. Ob „mit freundlichen Grüßen“ oder „HDGDL“, jetzt wissen wir, wo wir dran sind, wie viel Beziehung, Wärme und Liebe oder auch nicht uns miteinander verbinden.

Wir haben heute als Predigttext auch einen Briefgruß. Es ist ein seltsamer Gruß, denn er steht am Ende eines ziemlich heftigen Briefes. Es ist ein Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth, und dort gab es richtig Ärger. Der Brief steckt voller Zorn und Traurigkeit. Doch dann am Schluss eine Überraschung, in der Grußformel am Ende des Briefes hören wir einen ganz anderen Ton:

Zuletzt, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurecht bringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!  2.Kor 13, 11+13

„Ende gut alles gut“, so, liebe Gemeinde, hört es sich hier im 2. Korintherbrief an. Zum Schluss ein Segen: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Diese Worte aus dem Neuen Testament werden apostolischer Segen genannt. Vorhin in der Schriftlesung haben wir das alttestamentliche Vorbild gehört, den aaronitischen Segen, den bekannten Segen am Ende unserer Gottesdienste.

Ein Segen am Ende, das ist schön. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein. Denn vorher in seinem Brief zieht Paulus ganz gehörig vom Leder, und er hat wahrlich Grund dazu!
In Korinth, der großen griechischen Hafenstadt, gab es in der jungen christlichen Gemeinde richtig Ärger. Ein Streit war ausgebrochen, wer das Sagen in der Gemeinde hat: Kompetenzgerangel würde man heute sagen. Da war eine Clique von Superfrommen, die etwas Besonderes sein wollten: "Paulus, der bringt es nicht mehr!", meinten die: „Der mit seinem ewigen Gerede vom Gekreuzigten. Nein, wir wollen eine neue Konzeption: bisschen was Fröhlicheres mit viel Visionen. Paulus, der ist doch kein Vorbild: Ob man den depressiven Jammerlappen überhaupt Apostel nennen darf?".
Was Paulus da zu hören und zu lesen bekommt, da hätte er seinen Brief auch ganz anders beenden können.

Ein zorniger Paulus z.B. hätte wohl so geschrieben: „Jetzt reicht´s aber mit euren Beleidigungen und Machtspielchen. Jetzt wird klar Schiff gemacht. Entweder ihr seid eine Gemeinde, vertragt euch und anerkennt mich oder ich komme selbst und sorge für Ordnung. Gruß, Paulus.“

Oder vielleicht hätte Paulus auch resigniert: „Jetzt reicht´s. Jetzt schmeißt ihr den Laden ohne mich. Ihr werdet schon sehen, wo ihr bleibt. Schluss, aus, vorbei! Paulus.“

Aber so schreibt Paulus nicht. Paulus beginnt seine Schlussworte mit „Zuletzt, liebe Brüder, freut euch…“. Ja, was soll denn das? Will er für gute Stimmung sorgen, nach all dem Ärger?! Freude, das passt eher zu einem Liebesbrief; z.B. wenn ein junger verliebter Mann schreibt: "Du Schatz, ich freue mich, dass es sich gibt, ich liebe dich, wie keine andere!" Und die Geliebte antwortet: „Ich spüre so viel Sehnsucht in mir. Freue dich, bald werden wir wieder zusammen sein.“
Ja, in einen Liebesbrief passt die Freude, aber doch nicht zum Ärger des Paulus über seine Gemeinde in Korinth. Aber warum eigentlich nicht?! Der 2. Korintherbrief des Paulus ist einer der spannendsten und leidenschaftlichsten Briefe im Neuen Testament, und er ist zugleich ein Liebesbrief; ein Brief, an dessen Ende die Liebe und die Freude stehen, trotz oder vielleicht gerade wegen all der Konflikte.
Seinen Gegnern in Korinth kommt er am Briefende mit der großen Liebe seines Lebens. Er bringt die Liebe Gottes zur Sprache. Paulus setzt keine rosarote Brille auf, kein „Friede, Freude, Eierkuchen“. Er blendet die Konflikte nicht aus, nicht das Machtstreben der Korinther, aber er endet mit der Freude. Und er lädt ein, es gut sein zu lassen: „Lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, habt einerlei Sinn, haltet Frieden!“

Heute würde Paulus wohl sagen: Lernt das Loslassen. Lasst sie los, die alten Vorstellungen von euch und den anderen; lasst sie los, die Feindbilder, die Rivalität, das eigene Recht-haben-müssen. Überlasst euch anderen Maßstäben und lernt Gelassenheit, dann wird Frieden möglich.

Wunderschön, lieber Paulus, das klingt gut, aber weißt du, wie schwer es ist, mitten in einem Konflikt "locker und gelassen" zu sein und möglicherweise auch Kritik an mir zuzulassen!? Wenn überhaupt, dann ist das oft nur möglich, wenn jemand dazwischentritt, zwischen die Konflikt-Parteien. Neue Spiel-Räume und Perspektiven, andere Verhaltensweisen können wir oft nur entdecken, wenn jemand anderes dazukommt.

Paulus bringt am Ende seines Briefs, mitten im Konflikt, Gott ins Spiel: „So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“

Paulus stellt diesen Gott zwischen uns und unsere Konflikte. Und er fragt uns, ob es mit Gott in unserer Mitte - sozusagen als Streitschlichter - auch andere Wege gäbe; gerade auch in den Konflikten zwischen uns und dem Leben.

- Er fragt, warum das Töten von männlichen Küken in Deutschland nicht schon jetzt verboten wurde. 4 Cent pro Ei würde es kosten, und alle Küken könnten am Leben bleiben. Warum ist es uns das nicht wert?

- Er fragt, wie es sein kann, dass Italiens Regierung plant, Hilfsorganisationen, die im Mittelmeer in Not geratene Flüchtlinge retten, mit bis zu 50.000 Euro zu bestrafen. Kann das sein, wo doch Seenotrettung ein Menschenrecht ist?

- Er fragt, warum es den Religionen und Konfessionen bis heute so schwerfällt, sich an einen Tisch zu setzen. Warum gelingt es nicht überall wie bei uns am Pfingstmontag, als wir fröhlich in einem Geist im Dreschschuppen Gottesdienst gefeiert haben?  

Woher könnten wir das Vertrauen bekommen, dass das Aufeinander-Zugehen eine Chance ist?
Paulus legt am Ende seines Briefes all unsere Fragen und unseren Ärger, er legt alles und alle in Gottes Hand: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!"

Das sind die letzten Worte. Und diese Worte geben dem Text seinen Platz am heutigen Sonntag Trinitatis. Denn hier sind sie, die drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Vorstellung von der Dreieinigkeit kam erst später. Doch sie passt wunderbar zum Brief des Paulus. Dreieinigkeit – es sind drei, die sich einig sind.

Ist das nicht ein wunderbares Bild für unsere Konflikte bei uns persönlich und in unserer Welt!? Unser Leben steht unter dem Segen des Gottes, der drei in einem ist. Da geht es um Beziehung. Es ist ein Gott, der in einer lebendigen Beziehung zu sich selbst steht; eine friedliche, eine gnädige, eine gemeinschaftliche Beziehung, eine Dreiecksbeziehung im besten Sinne.

Gottvater, allein von einem Thron über unsere Welt regierend, er bliebe abstrakt und fern vom Leben. Es braucht den Sohn. Es braucht Jesus, der auf diese Welt kam, um als Bruder mitten unter uns zu leben – das was wir an Weihnachten feiern. Und beide brauchen den Heiligen Geist. In ihm kommen uns die Liebe Gottes und die Gnade Jesu ganz nahe, in ihm erfahren wir Gottes Gemeinschaft - das haben wir gerade erst an Pfingsten gefeiert. Und was wären die beiden, Jesus und der Heilige Geist, ohne Gott, der alles, auch uns alle ins Leben gerufen hat. Die Lebenskraft Gottes feiern wir an Weihnachten, Ostern und Pfingsten, an Erntedank und am Ewigkeitssonntag. Und heute, an Trinitatis, feiern wir den dreieinigen Gott - drei, die nicht ohne die anderen können. Gott, die drei sind eng miteinander verbunden und doch verschieden. Der Theologieprofessor Eberhard Jüngel hat diese Verbindung so beschrieben: Es ist eine „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“.

Ich finde diesen Gedanken faszinierend. Gerade in seinem Anderssein bildet Gott eine Gemeinschaft. Dieser dreieinige Gott kann uns Vorbild sein für unser Leben, für unsere Liebesbeziehungen genauso wie für unsere Konflikte, für uns Menschen, die wir auch so verschieden sind, und doch in Gemeinschaft leben können und sollen. Eine „Gemeinschaft gegenseitigen Andersseins“ bleibt nicht ohne Folgen für unser Leben, ja auch für unsere Gemeinde. Wir sind verschieden, aber wir wirken zusammen – es ist genial, wenn es gelingt. Dann kann die Gnade, Liebe und Gemeinschaft Gottes auf uns überströmen. Denn was wäre unser Leben ohne diese drei?!

- Es ist die Gnade Jesu, wenn Konflikte zum Guten gewendet werden. Wenn wir loslassen können, weil wir darauf vertrauen, dass wir durch Jesus immer noch einmal anfangen dürfen - dann ist das Gnade.

- Es ist die Liebe Gottes, die uns über Grenzen und Unterschiedlichkeiten hinweg verbindet. Wenn wir erleben, dass einer bedingungslos zu uns hält, und zwar zu jedem und jeder – dann ist das Liebe.

- Es ist die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die Brücken baut, die wir nicht gesehen haben. Wenn wir die Augen offen halten, über unseren Tellerrand und unseren Kirchturm hinweg, und auf andere zugehen - dann ist das Gemeinschaft.

Gnade, Liebe und Gemeinschaft, keinen schöneren Wunsch kann es zum Schluss geben. Und darum schließe ich meine Predigt heute nicht „Mit freundlichen Grüßen“, sondern mit dem Segen des Apostels: "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!"

Amen

Tageslosung

Der HERR sprach zu Jeremia: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. (Jeremia 1,9)

nächste Gottesdienste

Mittwoch (19. Juni)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Pflegezentrum Haus an der Metter)

Sonntag (23. Juni, 1. So. n. Trinitatis)

10:00 Uhr: Gemeinsamer Gottesdienst (Pauluskirche)
10:30 Uhr: Gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31)