Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 09.12.2018

Gottes Geburt und der Geburtstag der Menschenrechte; 2. Advent

„Wir hatten es schon fast geschafft - nach Weltkriegen eine neue Welt gebaut. Gegründet auf Rechte eines jeden Menschen - mit einem revolutionären Vertrag: der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Beschlossen vor 70 Jahren – übersetzt in alle Sprachen. Es war eine großartige Vision.“

Die Worte klingen imposant wie ein Kinotrailer. Es war der Beginn eines Dokumentarfilms von ZDF-Journalist Claus Kleber am Dienstagabend. 1 ½ Stunden - lange schon war ich nicht mehr so bewegt und beeindruckt, erschüttert und ermutigt wie von dieser Dokumentation - spannend und hochaktuell war sie. Hintergrund des Films ist ein Jubiläum. Morgen vor 70 Jahren, am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen unter dem Schock des Nazi-Terrors und des Zweiten Weltkriegs die UN-Menschenrechtserklärung. Die ersten beiden Artikel beschreiben die grundlegenden Rechte und Pflichten, die allen Erdenbürgern zugesprochen sind:  

  1. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.
  2. Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

30 Artikel sind es insgesamt, unantastbare Rechte der Menschheit, Grundregeln der Menschlichkeit.  

Doch was hat der Mensch daraus gemacht? Menschenrechtsverletzungen – sie gehören nicht der Vergangenheit an. Der ZDF-Film führte auf, wie es um die Grundwerte der menschlichen Zivilisation steht. 3 Beispiele:

  1. Mannheim auf dem Schirm“, so war das Titelfoto in der Bietigheimer Zeitung am Dienstag überschrieben. Als europaweit erste Stadt testet Mannheim eine Videoüberwachung, die Verhaltensmuster auswertet. Begründet wird es wie so oft mit der Sicherheit der Bürger und dem Kampf gegen Kriminalität. In China, so zeigte es der Dokumentarfilm zu den Menschenrechten, geht es längst darüber hinaus: Gesichtserkennung wird gekoppelt mit Hightech-Überwachung und künstlicher Intelligenz. Verhalten, Emotionen, Lebensgewohnheiten werden aufgezeichnet und ausgewertet. Die Bürger werden aufgrund der Daten in einem Punktesystem bewertet. Und das entscheidet darüber, wer es wert ist, eine Arbeitsstelle, Wohnung, Karriere- und Zukunftschancen zu bekommen. Der Überwachungsstaat des 21. Jahrhunderts wird in Peking digitalisiert vollendet.

Menschenrechtserklärung, Artikel 12 (Freiheitssphäre des Einzelnen): Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden.

  1. Guatemala ist ein wunderschönes Land. Ich selbst habe dort mehrere Monate gelebt. Doch der Dokumentarfilm zu den Menschenrechten zeigt, dass Guatemala heute oft nur noch eins ist: Beute! Internationale Konzerne kommen und beuten aus. Die Mayas, die seit Jahrhunderten dort leben, sind im Weg, werden vertrieben, wenn sie Glück haben; oder sie werden ganz aus der Welt geschafft. Amerikanische und andere Unternehmen nehmen sich das Land, bauen in Minen Nickel ab, und wenn sie genug haben, ziehen sie weiter. Der Lebensraum der Menschen vor Ort ist zerstört, den Profit nehmen die Unternehmen mit.

Menschenrechtserklärung, Artikel 3 (Recht auf Leben und Freiheit): Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

  1. Auch in den USA, Russland und Europa sind die Menschenrechte in Gefahr. Im Film wird es so formuliert: „Neue Populisten haben von alten Diktatoren gelernt. Sie schüren Unzufriedenheit und Hass, richten sie gegen Minderheiten und bauen so ihre Mehrheiten – überall dasselbe Muster. An der Macht untergraben sie unabhängige Justiz und zerstören die freie Presse. Mit Polizei, Militär oder Fake-News-Tiraden. Dann kontrolliert sie niemand mehr.“

Menschenrechtserklärung, Artikel 19 (Meinungs- u. Informationsfreiheit): Jeder hat das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäußerung; dieses Recht schließt die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.

Vor 70 Jahren wurde die Menschenrechtserklärung verabschiedet. Wir feiern die Jubilarin, weil sie etwas geleistet hat und Ansehen verdient. Es ist aber auch ein Jubiläum zum Weinen. Denn in vielen Teilen der Welt werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Sie bleiben ein unerreichtes Ideal. Aber eines, das es lohnt nicht aufzugeben – auch nicht für uns Christ*innen.  

Heute feiern wir 2. Advent, morgen feiern wir 70 Jahre Menschenrechte. Zufall? Vom Datum her schon. Aber inhaltlich gesehen stehen sie sich nahe. Die Menschenrechte haben neben anderen auch jüdisch-christliche Wurzeln.

Alle Menschen sind frei und gleich an Würde.“ Eine solche Vorstellung findet sich in der Bibel ganz am Anfang. Der Mensch ist Gottes Ebenbild, und zwar alle, Männer und Frauen. Biblische Rechte galten zwar nicht universell – so dachten Menschen damals noch nicht. Aber nicht nur das eigene, auch das Leben von Ausländern, Witwen, Waisen und Sklaven stand unter einem besonderen Schutz.

Alle Menschen sind mit Vernunft und Gewissen begabt.“ Ähnlich war ein Grundanliegen der Reformation. Martin Luther sprach dem Menschen ein Gewissen zu, das allein Gott verpflichtet ist. Kein Politiker, kein Priester, niemand kann sich dazwischen stellen und dem Menschen vorschreiben, wie er zu glauben und zu leben habe.

1552 verwendet der Dominikaner Bartholomé de Las Casas den Ausdruck Menschenrechte zur Verteidigung der peruanischen Ureinwohner. Auch sie hätten die „Rechte der Menschen“ und dürften nicht versklavt werden.

Das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu, hat Christ*innen immer wieder inspiriert, sich für Menschenrechte einzusetzen.

Advent ist die Zeit der Erwartung, dass Gott auf die Welt kommt. In Jesus wird Gott Mensch. Somit steckt in jedem Menschen ein Anteil Gottes. Allein das wäre für uns Christ*innen genug, um die Menschenrechte zu achten. Gott wird in Jesus geboren. Und das nicht auf der Sonnenseite des Lebens, dort wo alles gut und sicher ist. Jesu Leben ist von Anfang in Gefahr, in Todesgefahr. Seine Eltern müssen kurz nach seiner Geburt mit ihm fliehen. Im Nachbarland finden sie Aufnahme und Schutz.

- Menschenrechtsartikel 4: Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen.

Nach Jahren kehrt Jesus zurück in seine Heimat. Nochmals Jahre später beginnt er zu predigen, bringt alte Glaubens- und Lebenssätze neu zur Geltung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12, 30f)

- Menschenrechtsartikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren (…)und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Jesus predigt von der Liebe und lebt Geschwisterlichkeit. Beides entspringt aus seinem Glauben an Gott. Beides breitet sich aus in einer Hoffnung für das Leben. Wie groß ist die Kraft der Hoffnung heute? Die Hoffnung, die Jesus vor 2000 Jahren lebte, die Hoffnung, die vor 70 Jahren in die Menschenrechtserklärung geschrieben wurde?

Hoffnung ist wie die Menschenrechte nicht vom Himmel gefallen und dann für immer einfach so da. Sie muss man lernen, immer und immer wieder. Für sie muss man streiten, immer und immer wieder. Nach ihr muss man im Kleinen suchen, immer und immer wieder. Denn das Kleine kann groß werden, groß und stark wie ein Kind - so wie das Kind, das wir jetzt im Advent erwarten, so wie die Kinder, die rund um uns sind. Denn auch Kinder können etwas in Bewegung setzen. Von einem solchen Beispiel habe ich diese Woche erfahren, von Greta Thunberg.  

Nach den schweren Waldbränden im Sommer begann die schwedische Schülerin einen Schulstreik fürs Klima, 3 Wochen lang vor dem schwedischen Parlament bis zu den Parlamentswahlen. Nun streikt sie weiter jeden Freitag. Bis Anfang Dezember hatten sich ihr mehr als 20.000 Schüler weltweit in rund 270 Städten angeschlossen. „Es ist super, dass so viele Kinder verstanden haben, dass es unsere Zukunft ist, die wir schützen müssen", sagt die 15-jährige. Diese Woche ist Greta zum Weltklimagipfel in Kattowitz gefahren. Ihr Schulstreik hat sie zu einem Medienliebling aufsteigen lassen. Doch nicht sich, sondern den Klimaschutz will sie ins Bewusstsein rücken. Und das tut Greta Thunberg selbstbewusst und beharrlich. Sie erfährt viel Zustimmung, aber auch auf Kritik im Netz oder von Politikern, die sich beschweren, dass Kinder in die Schule gehörten. Greta Thunberg antwortet auf ihre ganz eigene Art: "Warum soll man für eine Zukunft lernen, die es vielleicht gar nicht gibt?", fragt sie. "Und warum soll man Fakten pauken, wenn die wichtigsten Fakten von der Gesellschaft nicht ernst genommen werden?"

Gretas Einsatz für den Klimaschutz mag klein erscheinen gegen die großen Weltprobleme. Aber es kann ein kleiner Schritt auf einem großen Weg sein. Es wäre ein Adventsweg. Denn Advent, das Kommen Gottes auf die Welt hat auch klein begonnen – in einem Baby. So hat Gott den Weg begonnen zu und mit den Menschen. Wir sind bis heute unterwegs auf diesem Weg zu und mit den Menschen, und in diesem Sinne auch für die Menschenrechte.

Lasst uns nicht aufgeben, sondern unterwegs bleiben, mit der Liebe Gottes im Herzen, und mit dem Schluss-Satz des ZDF-Dokumentarfilms im Ohr:

Menschenrechte - unantastbar beschreibt keinen Zustand, sondern eine Aufgabe. Menschenrechte sind besser zu verteidigen, solange es sie noch gibt.“

Amen

Tageslosung

Ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten. (Jesaja 43,20)

nächste Gottesdienste

Samstag (22. Dezember)

18:00 Uhr: Gottesdienst (Krankenhaus Bietigheim, Raum der Stille)

Sonntag (23. Dezember, 4. Advent)

10:00 Uhr: Gemeinsamer Gottesdienst (Pauluskirche)
10:30 Uhr: Gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31)
17:00 Uhr: Waldweihnacht (Lusthaus im Forst)