Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 08.07.2018

„Eintauchen ins Leben“  -  Apg 8,26-32­ -  Gottesdienst im Grünen zum Sandfest

Wie glücklich seid ihr, liebe Gemeinde? Könntet ihr die ganze Welt umarmen vor Glück? Oder werdet ihr gerade von einer Pechsträhne verfolgt? Oder liegt es so im grauen Mittelfeld zwischen Glück und Unglück?

In den nächsten Wochen, da bin ich mir sicher, wird das Glücksbarometer bei vielen ein gutes Stück steigen. Es ist Sommer, die Ferien stehen an, viele erwarten Urlaubsreisen oder einfach eine Auszeit vom Alltag. Ob Mittelmeer oder Nordsee, Kreuzfahrt oder Balkonien, Weltreise oder Reiterferien, es können wahre Glücksmomente sein.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er etwas erzählen - von glücklichen Tagen mit Familie und Freunden, vom Urlaubsglück, vom Glück in der Ferne. Reisen hat aber nicht nur mit Glücksgefühlen zu tun: Pilgerwege, Bildungsreisen, Kirchenbesuche im Urlaub – da sind Menschen auf der Suche, hoffen unterwegs etwas zu finden, das sie zuhause vergeblich such.

Einer, der sich auf die Suche gemacht hat, steht heute im Mittelpunkt unseres Predigttextes aus der Apostelgeschichte: Der Schatzmeister der Königin von Äthiopien macht sich auf eine lange Reise. Ein Sommerurlaub im Luxus-Resort all inclusive, das hätte er sich leisten können. Aber nein, er reist 3000 Kilometer weit von Äthiopien nach Israel. Das war zu seiner Zeit vor rund 2000 Jahren kein Vergnügen. Warum macht er das? Was sucht er, was hofft er zu finden?

  1. In die Wüste geschickt

Monatelang war der Schatzmeister unterwegs, nun ist er auf dem Rückweg; auf einer „Straße, die menschenleer ist“, so heißt es in der Bibel. Und das ist noch vornehm ausgedrückt. Die Straße führt in die Wüste – heiß, trocken, menschenleer. Leer ist es dort nicht nur auf der Straße. In die Wüste geschickt, das ist noch ganz anders leer, das kennen auch wir.

- Andreas muss überraschend ins Krankenhaus. Noch weiß er nicht, was die Untersuchung ergeben wird, und er fragt sich: Wie bin ich bloß hierhergekommen?

- Sabine musste wegen des Berufs in eine andere Stadt umziehen. Sie sitzt in der leeren Wohnung auf den Umzugs-Kisten und fragt sich: Was mache ich hier ohne meine Freunde, ohne die Nachbarn und unsere Kaffeerunden?

- Hans freut sich auf die Taufe seiner Tochter. Es quälen ihn aber auch Fragen: Handelskriege, Klimawandel, Terror. In welcher Welt leben wir? Was vererben wir unseren Kindern?

In die Wüste geschickt, in die Wüste der Angst, der Einsamkeit, der unbeantworteten Fragen. Am liebsten würde man den Kopf in den Wüstensand des Lebens stecken.

  1. Der Wagen – in Bewegung bleiben

In unserer Bibelgeschichte geschieht anderes. Dort in der Wüste bewegt sich etwas. Ein Engel schickt den Philippus in die Wüste zu dem Äthiopier. Philippus weiß nicht, warum und wohin, doch er geht, und trifft dort auf einen Wagen. Das gefällt mir besonders an der Geschichte. Zwei Männer in der Wüste. Mitten zwischen Sanddünen und Steinhügeln hätten sie hundertmal aneinander vorbeilaufen können. Doch ihre Wege kreuzen sich und laufen ein Stück parallel. Philippus wird zum Mitläufer, läuft neben dem Wagen her.

Der Wagen, der durch die Wüste rollt, ist wie ein Sinnbild auch für unsere Fahrt durchs Leben. Manchmal, da läuft, da rollt es einfach rund. Aber es gibt eben auch die Wüstenwege, harte, mühsame Wege, die wir nicht gehen wollen. Gut, wenn wir dann nicht aufgeben, wenn wir unterwegs bleiben. Denn die Wüste ist nicht nur leer, sie kann eine Chance sein. Wir könnten einem begegnen, gerade auf schwierigen Lebenswegen; einem, der von einem Engel geschickt ist, einem der uns suchen und finden hilft. 

  1. Worte – Fragen nach dem Leben

Der Äthiopier ist in seinem Wagen auf dem Rückweg und sucht immer noch. Er hat sich ein Souvenir gekauft, richtig teuer, eine handgeschriebene Schriftrolle des Propheten Jesaja. Der Schatzmeister liest im Wagen - und versteht kein Wort. So geht es Manchen auch heute:

Sie fragen nach dem Leben und finden keine Antwort. Allein kommt der Schatzmeister nicht mehr heraus, allein finden auch wir oft nicht den Weg durchs Leben. Es braucht Weggefährten, Menschen, die mit uns auf die Suche gehen.

  1. Weggefährten – das Glück finden

Philippus fragte: "Verstehst du eigentlich, was du da liest?" Der Schatzmeister sagte: "Wie soll ich es verstehen, wenn mir niemand hilft?" Und er bat Philippus: "Steig auf und setz dich zu mir!"

Da nimmt sich einer Zeit, kommt nicht gleich mit fertigen Antworten. Er fragt erst einmal, wo und wie er helfen kann. Das, liebe Gemeinde, sind Menschen, von Engeln geschickt. Der Schatzmeister sucht mit Philippus beim Propheten Jesaja nach Antworten auf seine Fragen: Dort liest er von einem Knecht Gottes. Was ist das für ein Mann? Warum wurde er getötet? Was ist das für ein Gott, der mit diesem Mann neu angefangen hat?

Philippus, so stelle ich es mir vor, beginnt zu erzählen. Er erzählt, wie er Gott in Jesus erlebt hat. Wie Jesus für die Menschen da war, wie er ihnen Hoffnung und Mut zum Leben gab. Wie er dafür sterben musste, und wie Gott ihn auferweckt hat, zu einem Leben, dem der Tod nichts mehr anhaben kann. Und Philippus erzählt von seinen Freunden, den Jüngern, wie sie von Gottes Lebensgeist angesteckt wurden, wie sie nun diese Freude in die Welt hinaustragen. Die Worte von Philippus treffen bei seinem Wüstenweggefährten mitten ins Herz. Der Äthiopier findet erste Antworten.

Auch wir können uns auf die Suche nach Antworten machen, oder wir können für andere Weggefährten sein, wie von Engeln geschickt. Wohin die Reise Andreas, Sabine und Hans, wohin sie uns führt, wir wissen es nicht. Das können wir nur immer wieder gemeinsam entdecken.

  1. Wasser – Eintauchen ins Leben

Wenn sich tatsächlich Wege kreuzen, wenn das Glück vorbeizieht, dann dürfen wir nicht lange zögern. Dann müssen wir zugreifen - so wie der Schatzmeister unserer Geschichte. Er ergreift die Chance und macht gleich ernst mit Gott.

Als sie auf der Straße weiterfuhren, kamen sie an einer Wasserstelle vorbei. Und der Schatzmeister sagte: „Sieh doch, dort ist eine Wasserstelle. Spricht etwas dagegen, dass ich getauft werde?“ Er befahl, den Wagen anzuhalten. Beide, Philippus und der Schatzmeister, stiegen ins Wasser, und Philippus taufte ihn.

Manchmal braucht es nicht mehr als Wasser, und das Leben wird neu. Nicht mehr suchen nach dem Leben, sondern eintauchen ins Leben. Nicht mehr dem Glück nachjagen, sondern es geschenkt bekommen. Das erlebt der Schatzmeister bei seiner Taufe, das beginnt mit jeder Taufe: Gott setzt Himmel und Erde in Bewegung, um sich von uns finden zu lassen. Mitten auf dem Lebensweg kommt er vorbei und hat Lebenssinn dabei. Und wir können eintauchen ins Leben.

Ich möchte es heute mit euch ausprobieren. Im Kleinen eintauchen ins Leben: Dazu stehen auf den Tischen kleine Wasserschalen. Ich lade euch ein: Taucht einen Finger ins Wasser ein. Nehmt ein paar Tropfen in die Handfläche. Schaut die kleinen, klaren Tropfen an, wie sie im Licht glänzen. Spürt das frische, kühlende Wasser auf der Haut, wie gut es tut. Wenn ihr mögt, probiert ein, zwei Tropfen; schmeckt auf der Zunge, das, was eines vom Wertvollsten der Welt ist – reines, klares, frisches Wasser.

Habt ihr es gespürt, das Glück des Lebens im Wassertropfen? - Nicht so richtig?! – Naja, es war auch nur ein kleines Eintauchen - Glück auf der Fingerspitze. Aber es ist ein Anfang, aus dem mehr werden kann. Es verändert unsere Sichtweise: Anstatt dem Glück weiter nachzujagen; haltet lieber Augen und Ohren, und eure Hände offen und ergreift die Chance, wenn das Glück euren Weg kreuzt. Taucht ein ins Leben, und wenn es nur ein Wassertropfen ist.

Taucht noch einmal euren Finger ins Wasser ein und spürt dem Leben nach, dem Glück des Lebens.

* Wassertropfen in sengender Hitze. Ausgetrocknete Kehle, Durst! Dann ein Schluck Wasser - was für ein Glück!

* Wassertropfen im Sorgen und Schaffen, Tag für Tag. Durst nach Leben. Dann ein Tropfen für die ausgetrocknete Seele, ein Tropfen Ruhe im Alltag - was für ein Glück!

* Wassertropfen in hoffnungsloser Zeit. Durst nach Zukunft und Geborgenheit. Dann ein Tropfen Licht in der Finsternis, ein Tropfen Liebe in der Einsamkeit - was für ein Glück!

Wassertropfen sind klein und unscheinbar, aber in ihnen steckt Leben, großes, glückliches Leben. Jesus hat uns das Wasser des Lebens versprochen. Es ist ein Wasser, das nicht mehr durstig werden lässt, sondern voller Leben steckt. Was für ein Glück, wenn wir es im kleinsten Wassertropfen entdecken und miteinander teilen können, nicht nur hier beim Sandfest. Wir können mit- und füreinander Wasser sein, auf den Durststrecken, den Wüstenwegen des Lebens. Wir können eintauchen ins Leben und dann auftauchen in Fröhlichkeit.

  1. Fröhlichkeit – im Vertrauen auf Gottes Nähe

„…und er zog seine Straße fröhlich“ – so endet die Geschichte des äthiopischen Schatzmeisters. Und eigentlich muss man sagen, so beginnt sie erst richtig. Wir hören nichts mehr vom Äthiopier. Wir wissen nicht, wie sein Leben weiter verlaufen ist, aber eins ist sicher: Er ist eingetaucht ins Leben und hat das Glück des Lebens gefunden. 

So können auch wir das Glück finden, oder besser gesagt, es uns schenken lassen. Denn es gilt nicht mehr: Jeder ist seines Glückes Schmied. Jetzt gilt: Glück ist Gottes Geschenk. Unser Glücksbarometer steigt nicht nur in der Ferienzeit, sondern immer, wenn wir eintauchen ins Leben; immer, wenn wir mit- und füreinander Wassertropfen des Lebens sind. Dann ziehen auch wir unsere Straße fröhlich.

  1. der Engel – der Kreis schließt sich

Am Anfang war es eine Straße – menschenleer.

Am Ende ist es eine Straße – fröhlich.

Der Kreis schließt sich, der Engelskreis beginnt. Engelskreis, nie gehört? Aber einen Teufelskreis kennen Sie? Wenn eine Sache eine zweite Sache schlimmer macht, das ist ein Teufelskreis. Ein Engelskreis ist das Gegenteil. Ein Engel lässt Wege sich kreuzen, lässt ins Leben eintauchen und fröhlich wieder auftauchen. Der Kreis schließt sich, ein Engelskreis. Und in der Mitte wir, du und ich. Und Gott kommt vorbei und hat Glück dabei, für jeden und jede von uns.

Amen

Tageslosung

Der HERR hatte sie fröhlich gemacht. (Esra 6,22)

nächste Gottesdienste

Mittwoch (22. August)

Samstag (25. August)

18:00 Uhr: Gottesdienst (Krankenhaus Bietigheim, Raum der Stille)

Sonntag (26. August, 13. So. n. Trinitatis)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Stadtkirche)
10:00 Uhr: Gottesdienst (Pauluskirche)
10:30 Uhr: Gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31)
11:00 Uhr: Gottesdienst (Friedenskirche)