Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 17.06.2018

„Segen - Geschenk des Himmels“

Groß ist die versammelte Runde. Alle sind sie gekommen, um Peters 50. Geburtstag zu feiern. Und nun stimmen sie „Viel Glück und viel Segen“ an. So oft gehört, aber heute rührt das Lied Peter an. Ja, so empfindet er es wirklich, sein Leben, glücklich und gesegnet. Und Peter strahlt!

Ein Strahlen im Gesicht, das gibt es nicht nur zum 50sten. Am Bahnhof fährt der Zug ein, ein Paar fällt sich in die Arme - ein Strahlen. Die gefürchtete Mathearbeit wird zurückgegeben, es ist doch eine Zwei geworden - ein Strahlen. Heute Nachmittag bei der WM: Deutschland – Mexiko, es wird ein Strahlen geben - bei den einen oder den anderen!

Ein Strahlen im Gesicht – was kann es Schöneres geben! Entwicklungspsychologen haben festgestellt, dass der strahlende Blick der Eltern für ein neugeborenes Baby lebensnotwendig ist. Es spürt: Ich werde geliebt. Was ein liebendes Angesicht zählt, haben die Menschen bereits in biblischen Zeiten geschätzt - auch ohne Psychologiestudium. Fast in jedem Gottesdienst hören wir davon, im wohl bekanntesten Segen des Alten Testaments:

„Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.“ (Num 6,24-26)

Gottes Angesicht leuchtet. Ein Strahlen im Gesicht Gottes. Gott sieht uns voller Liebe an. Segen, ein Himmelsgeschenk!

Wir Erwachsene haben ein recht stabiles Selbstbewusstsein entwickelt, aber die Sehnsucht nach einem liebevollen Blick, einem strahlenden Angesicht bleibt auch uns wichtig. Denn wie oft erleben wir das Gegenteil: ein schräger Blick, ein verletzendes Wort, eine böse Smartphone-Nachricht. Dabei wünschen wir uns doch immer ein Smiley! Zuwendung und Bestätigung, wer könnte wirklich ohne sie leben?!

Es tut einfach gut, auch in unserem so durchgeplanten und -gestylten, modernen Leben. Wir sind ja Meister darin, unser Glücksgefühl mit allem möglichen zu maximieren: Meine Familie, mein Haus, mein Auto. Marken, Mode, Lifestyle, Training für Körper, Updates für die Seele. Ich habe alles im Griff! Und dennoch ahnen wir, wir haben nicht alles in der Hand. In unserer Welt, die sich so rasend schnell wandelt, tut es gut, sich an das himmlische Strahlen zu erinnern. Und das phänomenale ist: Segen wünschen sich alle. Ob Jung oder Alt, ob Christen, Muslime, Juden oder andere Religionen, ob fromme und auch wenig religiöse Menschen. Vielleicht ist das auch kein Wunder. Denn so verschieden Menschen sind, so verschieden klingt Segen:     “Gott behüte dich!“ - „Hals- und Beinbruch!“ – „Toi, toi, toi!“ - „Möge die Macht mit dir sein!“ So unterschiedlich kann Segen klingen. Schön eigentlich, wie weit Segen gespannt ist. Aber zugleich stellt sich die Frage: Was ist der Segen genau: das Schicksal, eine heilvolle Kraft, das Universum oder Gott? Das ist das Kniffelige am Segen: Alle sehnen sich nach Segen, aber wer kann genau sagen, Woher kommt er? Wie kann man ihn bewahren? Was bewirkt er? Was ist der Segen?

Das Wort Segen kommt vom lateinischen Begriff „signare“, „ein Zeichen setzen“. Es beschreibt, dass Segen nicht nur ein Wort ist, sondern dass wir Segen sehen und spüren können: die Hand auflegen, ein Kreuz schlagen oder ein anderes Zeichen, das in gutem Sinne Leben trägt. Das Gute, darauf weist der zweite lateinische Segens-Begriff hin: „benedicere“, „gut sprechen“. Wenn jemand sagt „So ist es gut.“, „So wird es gut sein.“, „So etwas Schönes soll dir noch oft geschehen“, dann segnen wir. Im „benedicere“ steckt eine wichtige Erkenntnis zum Segen: Wir können Segen zusprechen. Wir können Segen erleben und spüren. Aber wir können Segen nicht machen.

Einer der das leidvoll erfahren hat, ist der biblische Jakob, von dem wir im Alten Testament lesen. Es war gierig nach viel Glück und viel Segen. Und dafür hat er gekämpft, ohne Rücksicht auf Verluste. Für den Segen haut er seinen Vater und Bruder übers Ohr, verspielt damit das Familienglück und muss fliehen. Und er ringt mit Gott um den Segen.  

Manchmal belächeln wir Jakob. Aber wie oft strampeln auch wir uns ab für viel Glück und viel Segen, wie Jakob. Wie sehr ringen wir im Leben: für unsere Gesundheit und gegen schlimme Diagnosen, für Erfolg im Beruf und gegen Pech in der Liebe, für den Sonnenschein im Urlaub und gegen die Schatten auf unserer Seele.

Am Ende erhält Jakob, was ihm die Welt nicht geben kann, sondern was er nur von Gott bekommen kann: den Segen. Und er erkennt: Segen ist ein Geschenk. Wir können Gott um den Segen bitten. Wir können um ihn ringen. Aber wir können ihn nicht machen oder erzwingen, schon gar nicht gegen andere. Und Tricks helfen auch nichts.

Apropos Tricks - Segen hat nichts mit Magie zu tun, wie es viele meinen. Hauptsache gesegnet, dann wird der Rest auch nicht schiefgehen. Segen ist keine himmlische Zusatzversicherung gegen Unheil. Wenn ich Kinder taufe und segne, werden sie sich nicht weniger die Knie blutig schlagen, nicht gesünder sein, später nicht besser in der Schule sein als nicht gesegnete Kinder. Und dennoch kann Segen unser Leben verändern. Wir können die Welt anders wahrnehmen: Dankbarer, fröhlicher, und leidenschaftlicher. Von Gott mit Segen beschenkt, wer das für sich erfährt, weiß: Ich bin nicht allein. Im Gegenteil: Ich bin Teil eines großen Ganzen.

Segen ist nichts für Einzelgänger. Es ist eher für Weltenbummler; für alle, die zu dieser Erde gehören, vom kleinsten Glühwürmchen bis zum afrikanischen Elefanten, vom Gänseblümchen bis zum Mammutbaum. So hat es sich Gott schon von Anfang an gedacht. Im Schöpfungsbericht lesen wir, wie glücklich Gott ist über seine Welt und über jeden und jede von uns. Kaum hat er die Welt geschaffen, schon überschüttet er sie mit Segen, die Kolibris und die Walfische, und die Menschen: „Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch.“ (Gen1,22.28)  

Segen hat mit mehr zu tun, mit mehr als nur mir allein. Segen ist nicht nur Wellness-Programm für meine Seele. Segen bedeutet Gottes Lebenszusage für alle. Wir können uns hineinbegeben in diese weltumspannende Segensmacht. Aus diesem Segensvorschuss können wir schöpfen und können selbst zum Segen werden. Wir empfangen Segen und tragen Segen in die Welt hinaus. Insofern ist Segen auch ein Stück Arbeit. Aber Gott wäre nicht Gott, wenn er nicht wüsste, wie schnell wir gestresst sind, und sei es auch nur durch die Segensaufgabe. Darum schiebt er gleich am Anfang schnell noch einen Schutzsegen gegen Stress hinterher. Diesmal segnet Gott nicht Lebewesen, sondern einen Tag: „Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn.“ (Gen 2,3)

Gottes Antwort auf den Stress ist der Sonntag. Noch bevor Stress aufkommen kann, schafft er einen Segenstag. Gott segnet das Ausruhen und Chillen! Gott weiß, dass nur auf einem Leben Segen liegt, in dem Arbeit und Erholung in einem gesunden Verhältnis stehen. Das sollten wir nicht vergessen, zwischen verkaufsoffenen Sonntagen, Arbeitszeitflexibilisierung und Freizeitindustrie. Ja, Segen liegt darauf, dass der Mensch die Welt voranbringt. Aber genauso liegt Segen darauf, dass der Mensch sich erholt.

Wer wissen will, ob er gesegnet ist, sollte sich immer wieder Zeit nehmen zum Durchatmen: um Erfolge zu feiern und Misserfolge zu verarbeiten, um Segensspuren zu entdecken und neu Lust auf die nächsten Segensschritte zu bekommen. Wenn Sie sonst nicht dazu kommen, dann nehmen Sie sich den Sonntag als einen Segens-Entdecker-Tag!

Wo sie auf jeden Fall einen Moment innehalten sollten, ist, wenn Sie einen Regenbogen sehen. Er ist nämlich Gottes Erinnerungszeichen für den Segen!

Ein Regenbogen, der Himmel und Erde verbindet, ist im Grunde genommen die größte Segensgeste der Welt. Ein bunter Lichterbogen, unter den die Welt gestellt ist, wenn Regen und Sonne aufeinandertreffen. Damit erinnert Gott sich und uns daran, dass Dunkles und Helles, Verzweiflung und Hoffnung zueinander gehören. Es ist die Erkenntnis am Ende der Sintflut-Geschichte. Auch wenn die Menschen den Bogen überspannen, wenn Gott vor Wut platzen könnte, gibt es einen Regenbogen. Nie mehr Sintflut, nie mehr Vergeltung, nie mehr Strafe! Segen soll sich ausbreiten, weil nur mit ihm Leben möglich ist.  

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (Gen 8,22)

Gott sagt in diesem welthistorischen Segen: Ihr könnt euch darauf verlassen: Ich bin da. Mag die Welt Kopf stehen, Gott steht uns zur Seite. Egal, was passiert, Kopf hoch – und Blick hinauf zum Segensbogen!

Segen ist der Anfang von einem neuen Blick aufs Leben. Die Lebenseinstellung unserer Leistungsgesellschaft ist, dass wir immer alles perfekt machen wollen und müssen. Und immer wieder erfahren wir dann, dass es nicht zu schaffen ist, weil unsere Fähigkeiten begrenzt sind. Wer auf den Segen vertraut, akzeptiert die eigenen Grenzen und vertraut auf die Grenzenlosigkeit Gottes.

Bei Gott gibt es kein „zu wenig“. Für ihn sind wir gut genug. Sicher, ein gesegneter Mensch wird nicht weniger stolpern, aber er wird anders aufstehen. Weil Gott uns die Kraft zum nächsten Schritt gibt, und das nicht nur für uns selbst. Wer gesegnet ist, kann auch anderen Mut machen aufzustehen. Wir können sie segnen – und das egal wo und wann.

Wenn du Menschen zuhause oder auf der Straße triffst, am Arbeitsplatz oder im Urlaub, segne sie! Segne die Stadt und das Land, in denen du lebst! Segne die Kinder und Alten, die Regierenden, die Lehrer und Krankenschwestern! Schöpfe aus dem Reichtum Gottes und gib Segen weiter; denn es gibt unendlich viel davon, mehr als wir uns wünschen könnten:

Ich wünsche dir: Nicht, dass es keine Wolken gibt,

nicht, dass du jeden Tag Glück erleben wirst,

nicht, dass dir niemals etwas wehtut,

nicht, dass du immer fröhlich bist –

nein, all das wünsche ich dir nicht.

Doch dass du die Erinnerung bewahrst an jeden schönen Tag,

dass du mutig bist, wenn Schwierigkeiten kommen,

dass du nicht aufgibst, wenn du mal keinen Ausweg siehst,

dass du Freunde hast, denen du vertrauen kannst,

und dass du immer Kraft hast, andere froh zu machen.

Dass jede Gabe, die dir Gott schenkte, in dir weiterwächst,

und dass du zu jeder Zeit, ob du froh bist oder traurig, weißt, dass Gott mit dir ist und du in seiner Nähe bleibst.

Das wünsche ich dir.

Denn das ist richtig viel Glück und viel Segen!

Amen 

Tageslosung

Der HERR wird dir seinen guten Schatz auftun, den Himmel, dass er deinem Land Regen gebe zur rechten Zeit und dass er segne alle Werke deiner Hände. (5.Mose 28,12)

nächste Gottesdienste

Samstag (23. Juni)

10:00 Uhr: Pauli-Kinder­kirche (Gemeindehaus Pauluskirche)
18:00 Uhr: Gottesdienst (Krankenhaus Bietigheim, Raum der Stille)

Sonntag (24. Juni, Tag d. Geb. Johannes d. Täufers)

10:00 Uhr: Gottesdienst (Stadtkirche) Taufe
10:00 Uhr: Abend­mahls­gottesdienst (Friedenskirche) Abendmahl
10:00 Uhr: Gottesdienst (Pauluskirche)
18:00 Uhr: Gottesdienst (Süddeutsche Gemeinschaft, Pforzheimer Str. 31)

Mittwoch (27. Juni)