Die "letzte" Predigt

Hier stellen Pfarrer und Pfarrerinnen Predigten zu besonderen Themen und Anlässen ein. Sie können in Ruhe noch einmal nachlesen und vertiefen - oder die Predigt an andere Interessenten weitergeben.

Stephan Seiler-Thies 01.04.2018

„Kein Scherz: Das Leben hat gewonnen“; Ostern 2018

Ostern, liebe Gemeinde, ist das bunteste, fröhlichste und verrückteste Fest des Jahres. Glaubt ihr nicht? Erntedank ist bunt, Geburtstag ist fröhlich, Fasching ist verrückt?! Stimmt alles, aber mit Ostern kann kein Fest mithalten. Denn Ostern ist einzigartig: Der Tod hat verloren, das Leben hat gewonnen. Wenn das kein Grund zum Feiern ist! Und wie das gefeiert wird! Ostereiersuchen im Garten? - Da geht noch viel mehr - in aller Welt:

PPP-Bilder und Beschreibung des Osterbrauchs:

- Ein gigantisches Omelett aus über 5000 Eiern wird am Ostersonntag in der französischen Stadt Bessières an alle verteilt, die da sind. Angeblich hat Napoleon dort an Ostern ein so gutes Omelett gegessen, dass er am nächsten Tag ein riesiges Omelett für sein ganzes Heer zubereiten ließ.

- In Bulgarien versteckt man Ostereier nicht, sondern wirft sie gegen die Kirchenmauer oder auf Familienmitglieder. Wessen Ei nicht zerbricht, soll ein erfolgreiches Jahr erleben.

- In Florida versteckt Kapitän Spencer Slate am Ostersonntag Eier im Tauchgebiet vor Islamorada. Fürs „Underwater Easter Egg Hunt“ zieht sich der Kapitän über seine Tauchausrüstung ein riesiges weißes Hasenkostüm aus Plüsch an.

- Besonders farbenfroh wird Ostern in Guatemala begangen. In der Kleinstadt Antigua wird das größte Osterfestival gefeiert. Dafür legen Jugendliche der Stadt einen gigantischen Blumenteppich in den Straßen aus. Mit über zwei Kilometern Länge ist er der längste Blumenteppich der Welt.

- Aus Schottland kommt das Ostereier-Rollen, und wird inzwischen auch vom Weißen Haus in Washington imitiert. Ostereier werden eine Wiese mit Kochlöffeln entlanggerollt. Wessen Ei am weitesten kommt, ohne zu zerbrechen, hat gewonnen. Das Rollen der Eier soll das Wegrollen des Steins vom Grab Jesu symbolisieren.

- Am verrücktesten ist der Osterbrauch im Norden Finnlands. Dort werden Ostereier zermatscht und in Umschlägen an Freunde und Verwandte verschickt. Es gibt sogar Postämter, die diese Umschläge eine Woche liegen lassen, bevor sie sie weiterschicken. Denn die besten Eierbriefe sind die, die am meisten stinken. Wenn die Empfänger sie öffnen, lachen sie lauthals los. Hintergrund ist der Osterglaube, dass mit Jesu Auferstehung der Tod besiegt ist, und nun vor sich hinstinkt. Manche bedanken sich mit einem Brief zurück, auf dem 2 Kürzel stehen: Jia - Jesus is alive und Did - Death ist dead.

* April, April! Das letzte war nicht wahr. Sorry, da habe ich euch in den April geschickt. Zermatschte Ostereierbriefe gibt es nicht. Aber alles andere vorher schon: Ostern in aller Welt, es ist das bunteste, fröhlichste, verrückteste Fest des Jahres. Es hat seinen guten Grund, dass Ostern so bunt-fröhlich ist. Denn das dunkelste und traurigste, der Tod ist besiegt. Der Tod, der mit Gewalt, Schmerzen und Angst daherkommt, hat mit einem nicht gerechnet, mit der Liebe. Das letzte Wort über uns spricht die Liebe Gottes.

Damals als Jesus am Kreuz hing und starb, da hat sich der Tod erst einmal ins Fäustchen gelacht. So zumindest kann ich es mir vorstellen, dass er triumphiert und gelacht hat: „Nun, Gott, jetzt habe ich gewonnen. Das hast du nun davon, dass du deinen Sohn in die Welt geschickt hast, als Mensch unter Menschen. Die haben ihn umgebracht, und nun gehört er mir, auf immer und ewig, dein Sohn in meinem Totenreich.“ So könnte der Tod sich gefreut haben.

Doch seine Freude währte nicht lange. Er kommt nicht einmal bis auf drei: Karfreitag, Karsamstag, doch schon am Ostersonntag hat er wieder alles verloren. Gott hat Jesus auferweckt. Der Siegesruf des Todes war verfrüht. Das Leben hat gewonnen.

Wir feiern dieses Jahr Ostern am 1. April, das gab es 1956 das letzte Mal!!! Ostern und 1. April – wie passend!„April, April“, so könnte es Gott zum Tod gesagt haben, „Dir gebe ich meinen Sohn nicht; und die anderen Menschen auch nicht. Kein Scherz, das Leben hat gewonnen.“ Nicht einmal drei Tage, dann hatte der Tod schon verloren. Von diesem wunderbaren Osterwochenend-Wunder, liebe Gemeinde, erzählt ein netter kleiner Osterwitz:

Nach der Kreuzigung Jesu kommt Nikodemus zu Josef von Arimathäa und bittet ihn, sein Grab für Jesus zur Verfügung zu stellen. Doch dieser findet eine Ausrede:„Das geht nicht. Ich brauche das Grab für mich und meine Familie.“ Darauf Nikodemus: „Stell dich nicht so an - ist doch nur übers Wochenende!“

Viele von Ihnen haben gelacht. Vielleicht haben aber manche gedacht: Naja, kann man solche Witze über den Tod erzählen? Kann man „April, April“ zum Tod sagen? Ist das mit dem Tod nicht eine viel zu ernste Sache?

Den Freunden Jesu damals hätte man den Witz auf keinen Fall erzählen können. Die hätten ihn nicht verstanden. Für sie war Jesus nicht nur „übers Wochenende“ gestorben. Für sie war mit Jesu Tod alles zu Ende, nicht nur die Woche, sondern auch ihre Hoffnung, ihr Glaube, ihr Lebenssinn. Jesus, der so viele geheilt hat, der von Gottes Liebe erzählt und Leben gegeben hat, er ist tot. Der Tod hat gesiegt.

„April, April“, nein, das konnten die Jünger nicht sagen. Und wir? Können wir den Tod in den April schicken? Jesu Tod ist nicht endgültig, das gehört zu unserem religiösen Basiswissen. „Am dritten Tag auferstanden von den Toten“, so sprechen wir es im Glaubensbekenntnis. Wir haben es gelernt, wir glauben es und vertrauen fest darauf. Und doch kann ich gut mit den Freunden Jesu mitfühlen. Denn auch wir sterben tausend Tode und den einen. Auch wir spüren, dass mit dem Sterben nicht zu spaßen ist.

- Wenn wir am Grab eines lieben Menschen stehen, dann kommt uns kein „April, April“ über die Lippen.

- Wenn wir von Krieg, Terror oder Tod auf der Flucht hören, dann ist uns nicht nach Aprilscherzen zumute.

- Wenn wir an die Unruhen im Heiligen Land und die Toten in Palästina denken, dann vergeht uns das Lachen. 

Tod nur „fürs Wochenende“ – wir erleben es anders. Für uns, die wir in dieser Welt leben, fühlt es sich an wie für immer. Da geht es uns nicht anders, als den Jüngern Jesu und den Frauen, die als erstes an Jesu Grab waren. Als sie den Stein vom Grab weggewälzt sahen, als ihnen der Engel sagte, dass Jesus auferstanden sei, da konnten Sie es erst nicht glauben, da konnten sie nicht gleich wieder lachen.

„April, April“, es ist immer auch mit Unsicherheit verbunden. Wer wird in den April geschickt, ich oder der andere? Wer hat gewonnen, der Tod oder das Leben? Es braucht Zeit, bis das Osterwunder bei uns ankommt. Wochen hat es bei den Freunden Jesu gedauert, bis sie es wirklich glauben konnten, bis sie sich auf die Straße trauten, um das Wunder von Ostern weiterzusagen. Jahrhunderte hat es gedauert, bis das Wunder bei uns angekommen ist. Und heute, am 1. April 2018, da brauchen wohl auch wir Zeit, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass der Tod in den April geschickt wurde. Und möglicherweise braucht es einen, der uns hilft; der für uns das „April, April“ spricht; der uns immer wieder daran erinnert: Der Tod hat seine Macht verloren – keiner von uns bleibt für immer in seiner Hand. Und auch die Trauer bleibt nicht für immer. So hat es Jesus versprochen:

„Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.“ (Lk 6,21)

Lachen konnten sie auch damals wieder, am ersten Ostern. Etwas verzögert, aber dann kam das Lachen wieder. Schauen wir genau hin, dann entdecken wir in den biblischen Ostergeschichten eine gute Prise Humor und Freude:

- Ostern als Friedhofswunder: Der Stein ist von Jesu Grab weggesprengt. Die Frauen erschrecken. Später werden sie gelacht haben: „Schaut, der Tod kann niemanden einschließen.“

- Ostern als Versteckspiel: Maria Magdalena sucht Jesus, vergeblich. Später wird sie gelacht haben, sie mit Jesus: „Ich sehe den Gärtner, und dann bist du es, Jesus! Das passt doch: Du hast immer Hoffnung gepflanzt und Liebe gesät.       

- Ostern als Geistergeschichte: Die Jünger trauen ihren Augen nicht. Später werden sie gelacht haben: „Als du den Fisch gegessen hast, Jesus, wussten wir, du bist kein Gespenst, sondern bist quicklebendig. Der Tod ist am Ende.“  

Dem Tod ist das Lachen vergangen, die Gläubigen haben es wiedergefunden. Sie konnten wieder lachen, damals. Und auch wir können lachen, heute. Lachen aller Traurigkeit zum Trotz, Lachen dem Tod ins Angesicht: „April, April, wir gehören dir nicht für immer.“

Natürlich ist das Osterlachen ein Trotzdem-Lachen: Wir alle müssen eines Tages sterben. Und, wir müssen zugeben, auch das Leben hier auf Erden ist nicht immer zum Lachen. Doch Ostern ist der Anfang – von Ostern her bekommen wir die Kraft zu leben und die Kraft zu glauben.

Hoffen trotz allen Leids in dieser Welt – das ist Glauben.

Lachen im Angesicht des Bösen – das ist Glauben.

Fröhlich leben dem Tod zum Trotz – das ist Glauben.

Aus dem Glauben heraus lachen, das können wir an Ostern einüben und mit in den Alltag nehmen, bis es sich dort ausbreitet und andere ansteckt.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Seit Ostern ist der Tod nur noch der, der als vorletzter lacht. Das letzte Lachen ist Gott und dem Leben vorbehalten. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, von Ostern her Gottes Lachen zu lernen, dass wir mit einem Lachen durchs Leben gehen, dass wir lachen können bis zuletzt.

Wir dürfen und können lachen, weil das Leben gewonnen hat. Das ist die frohe Botschaft, die heute Christen in aller Welt feiern. Deshalb ist Ostern das bunteste, fröhlichste Fest des Jahres, ein Fest voller Lachen. Im Lachen spüren wir die Quelle der Lebendigkeit, im Lachen sind wir Gott besonders nahe. Unser Vertrauen in den Gott des Lebens, wie könnten wir es besser ausdrücken als durch ein Lachen!

Und Gott selbst lacht mit, dessen bin ich mir gewiss. Gott ist ein Gott mit einem feinen und fröhlichen Humor. So zumindest hat es der fromme Mann erlebt, der sich in einem Gebet an Gott wendet:
"Guter Gott, in Psalm 90 lesen wir: Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist. Könnte man sagen, dass für dich tausend Jahre so viel sind wie eine Minute?"
"Ja, das stimmt!", antwortet Gott dem betenden Mann.
"Und könnte man sagen, dass für dich eine Million Euro so viel sind wie ein Cent?"    "Ja, mein Freund, so ist es."
Daraufhin der fromme Mann: "Ach, lieber Gott, ich bitte dich: Schenke mir doch einen Cent!"   "Gern“, antwortet Gott dem Betenden: „Warte nur mal eine Minute."

Amen

Stephan Seiler-Thies 30.03.2018

die 7 Blutstropfen“,  Karfreitag

- EG 85, 1-3.8 O Haupt voll Blut und Wunden

 „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn.“Es ist das Passionslied schlechthin. Seit Jahrhunderten wird es an Karfreitag von gläubigen Christen inbrünstig gesungen. Das Lied des großen evangelischen Dichters Paul Gerhardt zählt inzwischen sogar zum Weltkulturerbe. Und dennoch: Mir kommt es nicht leicht über die Lippen, ich singe es nur mit einem Schrecken in der Stimme.

Ein Lied zu singen, heißt, sich auf etwas einzustimmen. Mit „O Haupt voll Blut und Wunden“ stimmen wir uns auf Karfreitag ein. Aber was ist das für eine Stimmung, die in diesem Lied zum Ausdruck kommt?! Die Worte klingen grausam und blutrünstig. Die Melodie ist leidensschwer gestimmt. Das geht unter die Haut.

„O“, das Lied beginnt mit diesem Ausruf des Entsetzens; Entsetzen angesichts von Folter, Leid und Kreuzestod Jesu. Dunkle Vokale durchziehen die ersten Zeilen: Blut, Wunden, Hohn, Spott. Unweigerlich sehe ich Schreckensbilder vor mir, Kreuzigungsbilder in Museen oder Kruzifixe in Kirchen, oft grausam-blutrünstig dargestellt.

„O Haupt voll Blut und Wunden“ wir werden ganz nah ans Kreuz geführt. Ich bin nicht zart besaitet, ich kann Blut sehen, aber muss es in allen Details dargestellt werden? Blut tropft von der dornengekrönten Stirn, Blut tropft aus den nageldurchbohrten Händen, Blut tropft aus der lanzendurchstochenen Seite. Die Römer inszenierten ihre Todesurteile blutig. Doch die Henker von heute sind kein bisschen besser, in den Kriegen, Todeskammern und Foltergefängnissen in aller Welt…

O Haupt voll Blut und Wunden, es zeigt die ganze Grausamkeit, zu der Menschen fähig sind. So etwas besinge ich nicht leichtherzig, auch nicht an Karfreitag. Und doch können wir dem Erschrecken nicht ausweichen. Nur weil wir es nicht an uns heranlassen, ist es ja nicht aus der Welt geschafft.

Blut an sich ist erst einmal nichts Schreckliches, sondern etwas sehr Lebendiges. In einem erwachsenen Menschen zirkulieren rund 5 bis 6 Liter Blut - und mit jedem Pulsschlag sorgt es für Leben: Blut bringt Nährstoffe, wie Sauerstoff zu den Zellen und transportiert Stoffwechselendprodukte wieder ab. Blut hält den Wasser- und Elektrolythaushalt des Körpers aufrecht. Als Teil des Immunsystems hat das Blut Schutz- und Abwehraufgaben gegen Fremdkörper und Antigene. Zudem hat Blut eine Stützwirkung durch seinen Flüssigkeitsdruck. Und die ständige Zirkulation des Blutes gewährleistet eine konstante Körpertemperatur.

Blut und Leben, sie sind aufs engste miteinander verknüpft. Auch in der Bibel ist diese Verbindung zu finden, besonders im Alten Testament. Das hebräische Wort für „Blut“ ist דָּם dām. Es klingt an in אָדָם ’ādām = „Mensch“ und findet sich auch in אֲדָמָה ’ǎdāmāh = „Erde“. Blut und Mensch, Blut und Erde, es sind Verbindungen des Lebens. Blut in uns, Blut in der Welt, Gott hat es geschaffen als Stoff des Lebens.  

Blut ist aber mehr als nur Leben. Blut ist auch beim Schönsten des Lebens im Spiel, in der Liebe. Wenn ich frisch verliebt bin, und die Geliebte biegt um die Ecke, dann beginnt das Herz zu pochen, rasend schnell schießt das Blut durch die Adern; und wenn die Angebetete mich anschaut, schießt es mir in die Wangen – ich werde rot.

Da bekommt „O Haupt voll Blut“ eine neue Bedeutung. Diese Liebesanspielung war ursprünglich mit gemeint. Die Melodie von Hans Leo Haßler hat ihren Ursprung in einem alten populären Liebeslied. Der Ausruf „O“ drückt nicht nur Erschrecken aus, so begannen barocke Liebesbriefe: „O, mein lieber... / meine Liebste…“.

Paul Gerhardt ist verliebt, als er „O Haupt voll Blut“ schreibt. Ein Jahr zuvor hat er Anna Maria Berthold geheiratet. Es klingt an in seinem Lied: In der Sprache der Liebe beschreibt er die Passion, das Leiden und die Leidenschaft: „O Haupt, sonst schön gezieret“, „du edles Angesichte“, „die Farbe deiner Wangen“, „der roten Lippen Pracht“: Es könnten Worte eines Liebesgedichtes sein, wüssten wir den Hintergrund nicht. Doch all das Schöne, Liebliche verkehrt sich ins Gegenteil: es ist „erbleichet“, „ist hin und ganz vergangen“, „des blassen Todes Macht hat alles hingenommen, hat alles hingerafft“.

Wenn Blut vergossen wird, dann geht die Farbe, dann geht das Leben verloren. Schon wenn ein Mensch 1 Liter Blut verliert, wird die Lebenskraft spürbar beeinträchtigt. Wird es mehr, wird es lebensgefährlich. Wenn kein Blut mehr fließt, wenn das Lebenselixier verloren geht, dann tritt der Tod ein.   Mit dem Tod überkommen uns Schrecken und Trauer. Verlorengegangene Leben, es sind Karfreitage unseres Lebens. Das Kreuz Jesu erinnert uns, wie verletzlich das Leben ist:

Ein schwerer Verkehrsunfall. Ärzte kämpfen um das Leben. Wenn es nicht gelingt, mahnt uns ein Kreuz am Straßenrand.

Die Tagesschau. Wir sehen das Blut nicht, aber wir hören davon: Attentat in Südfrankreich; Feuer in einem sibirischen Einkaufszentrum, Bomben in Syrien.

Ein junges Mädchen ritzt sich in den Arm, bis das Blut fließt. Nur so spürt sie etwas vom Leben, das sich so tot anfühlt.

Karfreitage des Lebens, Karfreitage dieser Welt – am heutigen Tag rücken sie uns besonders nahe. Neben dem Kreuz ist es für mich im besonderen die Dornenkrone, die mir die Verletzlichkeit des Lebens vor Augen führt.

Heute rückt die Dornenkrone besonders in unseren Blick, hier vorne am Altar; die Dornenkrone umrankt von Rosen; Blumen der Liebe, aber auch rot wie Blut.

Seit dieser Woche ist noch eine weitere Dornenkrone bei uns in der Friedenskirche zu sehen. Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen: Wir haben ein neues Kanzelparament. Christel Pflaum, die schon viele, besondere Kunstwerke für unsere Kirche geschaffen hat, entwarf und webte ein neues violettes Parament für die Wochen der Passionszeit. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle in unser aller Namen bei Ihnen, Frau Pflaum, herzlich bedanken. Und ich möchte mir das neue Parament am heutigen Karfreitag mit Ihnen allen genauer anschauen. (Parament vergrößert auf Leinwand)

„O Haupt voll Blut und Wunden“ – die Passion Jesu ist hier zart angedeutet, in einer dünnen schwarzen Linie. Doch mit den roten Spitzen entlang der Linie wird erkennbar, worum es sich handelt: Es ist ein Teil der Dornenkrone. Die Dornen entlang der schwarzen Linie sind blutrot getränkt.    

Blutrot sind auch die großen Tropfen, die das Bild von oben nach unten durchziehen. Jeder Blutstropfen Zeichen für gequältes, verletzliches, verlorengehendes Leben. 7 Blutstropfen sind ins Kanzelparament hineingewebt. Es mussten sieben sein, so hat es mir Christel Pflaum gesagt, Sieben als die heilige, vollkommene Zahl. 

Die Zahl Sieben, wo kommt sie nicht überall vor! 7 Weltwunder kannte die Antike. Im Mittelalter beschäftigten sich die Gelehrten mit den 7 Künsten. 7 Gebetszeiten halten die Mönche täglich. In Märchen spielt die 7 eine große Rolle: von 7 Raben und 7 Zwergen über die Siebenmeilenstiefel bis hin zu „7 auf einen Streich“. In unserem Leben gibt es „Siebengescheite“, „Siebenschläfer“ und die „sieben Sachen“. Sieben Tage hat die Woche, angelehnt an die Schöpfung. Das Vaterunser enthält 7 Bitten. In der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel ist die Zahl 7 unübersehbar: 7 Posaunen, 7 Plagen, 7 Gemeinden und das Buch mit 7 Siegeln. Siebzigmal siebenmal (Mt 18,22) sollen wir vergeben, sagt Jesus.

Die Sieben, eine heilige, eine vollkommene Zahl. Die 7 Blutstropfen auf unserem neuen violetten Parament erinnern mich an eine andere Siebenzahl beim Sterben Jesu, an die 7 letzten Worte Jesu am Kreuz. 7 Blutstropfen am Ende, 7 Worte als Zeichen über das Ende hinaus:

  1. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Jesus bittet für die Spötter und Mörder unterm Kreuz. Schuld und Vergebung, das große Thema des Lebens. Am Ende vergibt Jesus und schenkt damit Gottes Liebe.

  1. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lk 23,43)

Dem Verbrecher am Kreuz verspricht Jesus einen Anfang im Ende: Nach dem Tod Paradies, Ankommen, Leben bei Gott. Wir bekommen die Chance neu zu beginnen.

  1. „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Joh 19,26f)

Jesus sieht seine Mutter und den Jünger. Er sorgt über sein Leben hinaus dafür, dass es für die Hinterbliebenen gut werden kann. Er weiß, wir leben von guten Beziehungen.

  1. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Mk 15,34)

Das 4. Wort Jesu in der Mitte ist Höhe- und Wendepunkt: Jesus fühlt sich gottverlassen, fragt „warum“, so wie wir. Doch Jesus hält am Glauben fest, sagt „Mein Gott“.

  1. „Mich dürstet.“ (Joh 19,28)

In seiner körperlichen Not ist Jesus uns ganz nahe. Am Kreuz hängt kein leidensunfähiger Gottessohn, sondern ein Mensch, der wie viele Schwerkranke dürstet und leidet.

  1. „Es ist vollbracht.“ (Joh 19,30)

Jesus stirbt jung. Und doch kann er am Ende sagen, dass sein Leben vollendet ist. Er vertraut, dass Gott auch die Bruchstücke unseres Lebens zum Ziel bringen kann.

  1. „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lk 23,46)

Das letzte Wort Jesu ist Zustimmung. Das Gefühl, ich habe es nicht mehr in der Hand, gibt es nicht erst am Ende. Dann vertrauen können: Gott fangt mich auf in seiner Hand.

7 Worte, 7 Blutstropfen, am Kreuz bekommt die Zahl noch eine ganz neue Bedeutung: die 4 steht für den Menschen, symbolisiert durch die Arme und Beine, die 4 Extremitäten. Die 3 steht für Gott, den dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. 3 plus 4 gleich 7. Mensch und Gott zusammen. So, und nur so, kann ich für mich das Kreuz sehen:

„O Haupt voll Blut und Wunden“, gequält und geschunden, Blut fließt, Leben geht zu Ende, geht verloren – genau hier ist nicht nur ein Mensch, der grausam stirbt. Hier ist Gott, ganz am Ende, um einen neuen Anfang zu schenken. Hier ist Gott, ganz im Tod, um verlorenes Leben zu retten.

7 Blutstropfen - keiner wird vergossen, den Gott nicht auffangen würde, als Neubeginn des Lebens, das „aus dem Himmel mit Strömen der Liebe regnet“ (EG 316,4).

Liebe vom Himmel her ist in den Farben des Paraments eingewoben: Rot wie die Liebe und blau wie der Himmel -gemeinsam ergeben sie Violett. Von oben nach unten tropft nicht nur Blut, sondern fallen goldene Lichtstrahlen des Himmels. Neues Leben ist möglich, auch dort, wo Dornen stechen. Wenn wir genau hinschauen, dann sehen wir, dass an den Dornen grüne Fäden eingewoben sind. Grün sprießt das neue Leben, grün wie die Hoffnung.

Naiv, blauäugig? Angesichts all des Leids in der Welt nur etwas für Träumer? Nein, ich glaube nicht. Ich hoffe, ich vertraue darauf, dass es uns an Karfreitag, auch angesichts all der Häupter voll Blut und Wunden daran erinnert, dass es nicht zu Ende ist, sondern dass Gott uns nahe ist. Das Leiden wird aufhören, aber die Liebe hört nicht auf.

Gott hält Ostern für uns bereit.

Amen

Tageslosung

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