Die "letzte" Predigt


"Am Ende - Verwandelt durch Jesus Christus“ 
15.01.12 – Offb 3,21
 
 
2012 – das Jahr, liebe Gemeinde, steckt noch in seinen Kinderschuhen.
2012 – „Verwandelt durch Jesus Christus“, so lautet das Motto der evangelischen Allianzgebetswoche.
2012 – „Verwandelt durch Jesus Christus“, das erfahren wir immer wieder. Menschen werden anders, wenn sie zu Gott beten; Menschen werden verwandelt, wenn sie Jesus begegnen. Sie finden Trost, Mut und Impulse fürs Leben.
2012 – „Verwandelt…“ - plötzlich komme ich ins Stocken. 2012, diese besondere Jahreszahl! „Verwandelt“, ja davon reden viele, davon, dass ich alles wandeln könnte – aber ganz anders, als es in der Gebetswoche gemeint ist.
- 2012 am vergangenen Sonntag: Im Fernsehen läuft der Kinofilm „2012“, ein Blockbuster von Roland Emmerich. Mit großen Worten wird der Film im Trailer angekündigt: „Egal, wo du lebst; egal, was du glaubst, ein Datum wird uns alle vereinen – 2012“. Und der Film hält, was die Vorschau verspricht. Es ist ein Wahnsinns-Film, wahnsinnig spannend, wahnsinnig aufregend. Denn in dem Film wird  das Ende der Welt durchgespielt. 2012 endet der Maya-Kalender, und damit endet auch die Welt, so der Film. In bester Hollywood-Manier lässt der Film 2012 die ganze Erde aus ihrem Gleichgewicht geraten. Die Erde bebt, sie bricht zusammen, sie wird überflutet. Hunderte von Wolkenkratzer stürzen zusammen, weite Landstriche verschlingt die Erde in aufbrechenden Gräben, ganze Städte werden von riesigen Tsunami-Wellen überflutet, Vulkane bringen Feuer über die Erde, Milliarden Menschen sterben.
Ich saß mit rasendem Herzen vor dem Fernseher, und konnte mich der gewaltigen Bilderflut nicht entziehen. Ich habe mitgelitten, mitgefiebert, ob es den Menschen gelingen würde, sich zu retten. Denn es gab – ganz im Sinne der Arche Noah – riesige, moderne Schiffe, die im Himalaya stationiert waren, in denen ausgewählte Personen vor dem sicheren Tod beim Weltuntergang gerettet werden sollten. Doch immer wieder passiert etwas. Gerade denkt man, es ist geschafft, schon die nächste Katastrophe: Eins der Schiffstore schließt nicht, und die Riesen-Tsunami-Welle rollt über die Gipfel des Himalaya auf das Schiff zu.
2012 – ein Katastrophenfilm, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen habe. Ein Film, der uns erschreckend nahe rückt. 2012, dieses Jahr soll es passieren – glaubt man dem Film – dieses Jahr soll die Welt untergehen.
Sicher, es ist nur ein Film. Aber das Jahr 2012 hat begonnen. Und – was ich sonst nie tue – in dieser Nacht habe ich von dem Film geträumt. Ich habe geträumt, wie die Menschen, die überlebt haben, nach einer neuen Lebenschance auf der zerstörten Welt suchen.
2012 am Sonntag im Film – eine Katastrophe.
- 2012 am Dienstag: In meiner Schulklasse entwickelt sich eine Diskussion über unsere Erwartungen und Befürchtungen für das neue Jahr. Und wieder taucht es auf, das Datum 2012. „Dieses Jahr kommt das Ende der Welt“, sagt einer der Schüler, „das werden wir nicht überleben“. Und es wird heißt diskutiert, was die Schüler in Fernsehen und Internet gesehen haben: Von Maya-Kalendern und Meteoriteneinschlägen, von Weltuntergangsphantasien und wissenschaftlichen Studien, die alles als Spinnerei widerlegen.
2012 am Dienstag – auch unter Schülern ein heißes Thema.
- 2012 am Mittwoch: Mein Blick bleibt an einer Meldung im Internet hängen. „Weltuntergangsuhr um eine Minute vorgestellt“. US-Wissenschaftler, darunter einige Nobelpreisträger, haben in dieser Woche an der "Uhr des Jüngsten Gerichts" den Zeiger von sechs auf fünf vor zwölf gestellt. Die Weltuntergangs-Uhr wurde 1947 von einer US-Zeitschrift erfunden und seither je nach Weltlage vor- oder zurückgestellt. 1989, nach dem Fall der Berliner Mauer, zeigte die Uhr noch 17 Minuten vor zwölf an. Seitdem wurde die Welt deutlich gefährlicher. Uran-Experimente im Iran, ein völlig unberechenbares Nordkorea, der Fukushima-Super-GAU in Japan, Naturkatastrophen weltweit, keine Konzepte gegen den Klimawandel - es sind viele Probleme, die die Forscher in ihre aktuelle Bewertung der Weltlage einbezogen haben. Ihr Urteil fällt verheerend aus, darum haben sie ihre Weltuntergangsuhr vorgestellt.
2012 am Mittwoch: fünf vor zwölf vor dem Ende.
- 2012 am Freitag: Ich hole das „Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg“ aus dem Briefkasten und schaue auf die Titelseite. „Und wenn morgen die Welt untergeht“, so der Titel und auf dem Bild eine brennende Weltkugel, getroffen von einem Meteoriten. – Ich betrachtete die Titelseite und dachte bei mir: „Das gibt´s doch nicht!“.
2012 am Freitag: Weltuntergang auch im Gemeindeblatt.
2012 im Januar, eine Woche voller Eindrücke vom Ende.
 
Aber jede Woche geht einmal zu Ende und eine neue beginnt. Also kann es mit dem heutigen Sonntag nur besser werden – dachte ich! Doch was begegnet uns? Für den heutigen Allianzsonntag sind für Schriftlesung und Predigt Texte aus der Offenbarung des Johannes vorgeschlagen.
Ausgerechnet aus der Offenbarung, der Apokalypse! Dieses Buch der Bibel, das zu großen Teilen vom Ende der Welt handelt. Der Seher Johannes sieht und schreibt auf, was am Ende passieren wird: Katastrophen, Untergang, Tod. Ende, Aus!
In der Schriftlesung haben wir einen der bekanntesten Texte aus der Offenbarung gehört, aus Kapitel 21. Dort heißt es „der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr“. Das ist fast noch schlimmer als im Film 2012: Keine Erde, kein Himmel, ja nicht einmal das Meer gibt es mehr. Einfach alles ist vergangen – das ist die Apokalypse, die Offenbarung des absoluten Endes.
Und doch, und das ist gerade in unserer heutigen Schriftlesung zu hören, geht es in der Offenbarung des Johannes nicht nur um das Ende. Es wird nicht nur das Alte untergehen, sondern es wird Neues kommen. „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde“, so fängt das Kapitel 21 an, und die Worte Gottes am Ende unserer heutigen Schriftlesung heißen, „Siehe, ich mache alles neu.“
Die Bibel ergötzt sich nicht darin, Angst und Schrecken zu verbreiten, das Ende in den schlimmsten Farben auszumalen. Nein - so die biblische Botschaft - am Ende ist es nicht einfach aus. Es beginnt etwas Neues.
Auch der Film 2012 hat einen hoffnungsvollen Schluss. Die überlebenden Menschen in den Schiffen erfahren über Berechnungen der Computer, dass der afrikanische Kontinent durch die Bewegung der Erdplatten in die Höhe gehoben wurde und nicht überflutet ist. So steuern die Schiffe am Ende Afrika an, in der Hoffnung auf neues Leben.
Ein fast biblisches happy end: „Siehe, ich mache alles neu.“ Und doch ist der Filmschluss anderes, als wir es in der Bibel lesen. Der neue Anfang wird nicht eine zweite Chance auf Erden sein, auf die die Menschen zusteuern. Die neue Erde, der neue Himmel – wie sie in der Bibel beschrieben sind - werden ganz anderes sein, ein Geschenk Gottes.
Wie und wo das sein wird, das wissen wir nicht. Dass es aber nicht im Schrecken endet, das verheißt die Offenbarung des Johannes: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein… Denn siehe, ich mache alles neu.“ Allein in diesen Worten klingt eine Hoffnungsbotschaft, die kein Film darstellen kann. Das ist eine Hoffnung, ein Glaube, das Vertrauen in Gottes Macht und Liebe, die unbeschreiblich ist.
Wie und wo das sein wird, wir wissen es nicht. Und wir wissen auch nicht, wann das sein wird. Auch das lesen wir in der Bibel, so z.B. im Matthäusevangelium: „Von dem Tag und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ (Mt 24, 36)
Wenn wir Menschen etwas nicht wissen, macht das uns oft unsicher. Aber in dieser Frage finde ich es ungemein beruhigend, nicht zu wissen, ja, nicht wissen zu müssen, wann das Ende kommt. Auch wenn unsere Wissenschaftler und Forscher heute einiges berechnen können, Erderwärmung, Meteoritenflugbahnen, Veränderungen in der Sonnenstrahlkraft, auch sie können nicht definitiv vorhersagen, wann das Ende kommt. Zumindest 2012 nicht, da sind sich seriöse Wissenschaftler alle einig. Und der Mayakalender endet wie unsere Kalender, und beginnt dann wieder von vorne – vom Ende der Welt ist dort nicht die Rede.
Das Ende – wie, wo und wann, wir wissen es nicht.
Filme wie „2012“, sie sind spannend anzusehen – mehr aber auch nicht. Und denen, die das Ende der Welt verkünden, denen sollte man genau auf die Finger schauen. Denn da ist oft genug ein gutes Geschäft mit der Angst der Menschen verbunden. Und die, die am lautesten den Untergang ausrufen, verdienen oft am meisten daran.
Von daher lehrt uns die Bibel eine gewisse Gelassenheit im Blick auf das Ende hin. Und die Bibel schenkt uns das Vertrauen, dass es letztendlich Gott ist, der uns, unser Leben, diese Welt und das Universum in seiner Hand hält. Und wenn es dann, wann und wo und wie auch immer zu Ende gehen sollte, dann ist er da, trocknet Tränen, macht Tod und Leid ein Ende und macht alles ganz neu.
 
Und doch ist das nur eine Seite, die schöne Seite. Denn es gibt daneben die Schreckensszenarien, auch in der Bibel. Was ist der Sinn solcher apokalyptischen Texte wie die Offenbarung des Johannes? Wozu all die Schreckensbilder vom Ende? Was ist das für eine schwarze Pädagogik, um vom Erschrecken zum Vertrauen in Gott zu führen?
Denn so lesen und hören wir ja solche Texte: sie verbreiten Angst und Schrecken.
Vor vielen Jahren, als ich während meines Studiums für ein halbes Jahr in Mittelamerika war, habe ich einen der führenden Befreiungstheologen, Pablo Richard, kennengelernt. Und bei ihm habe ich eine neue Sichtweise auf die Apokalypse, die Offenbarung des Johannes erfahren. Er liest das Ende der Bibel nicht als Buch von Angst und Schrecken sondern als Buch von Hoffnung und Widerstand.
Diese Texte wurden damals für die frühen christlichen Gemeinden geschrieben, die genau solche Schrecken erleben mussten: Verfolgung, Unterdrückung, Tod. Ja oft stand den Gemeinden, die sich gerade gefunden hatten, schon wieder das Ende vor Augen. Im römischen Reich bekamen sie anfangs keine Chance zum Überleben. Genau dort hinein spricht die Offenbarung des Johannes von Hoffnung und Widerstand.
- Hoffnung: All das Schreckliche, das Böse, das Tödliche wird nicht immer an der Macht bleiben. Es wird ein Ende haben, und dann wird alles neu. Was für eine Hoffnung für alle, die vom Leben und dieser Welt enttäuscht wurden! Was für eine Hoffnung bis heute, für alle, deren Tränen getrocknet werden, denen versprochen wird, dass ihr Leid ein Ende haben wird. Die Apokalypse ein Buch des Schreckens, aber auch der Hoffnung, vom Ende des Schreckens.
- Widerstand: Die Apokalypse malt ein Bild von einer alternativen Welt, und es ist nicht nur ein Bild vom Ende. Nein, diese Vision einer neuen Welt soll bereits jetzt den Christen Mut machen, soll sie stärken, soll ihnen die Augen öffnen, dass sie bereits Teil, dass sie Mitstreiter für die neue Welt Gottes sind. Die Apokalypse ein Buch des Schreckens, aber auch des Widerstands. Es kritisiert lebensfeindliche Macht- und Unrechtsstrukturen und ruft dazu auf, Grundsteine für die neue, die ganz andere Welt Gottes zu legen, hier und jetzt.
Die Apokalypse als Buch von Hoffnung und Widerstand, was ich in Mittelamerika gelernt habe, trifft in veränderter Weise auch auf uns heute hier in Deutschland zu. Krisen, Angst und Schrecken, wir erfahren sie in ganz eigener Weise, politisch und wirtschaftlich, global und persönlich.
 
2012 zwischen Hoffnung und Widerstand – wie kann das aussehen, heute? Zwischen Hoffnung und Widerstand begegnet uns der Predigttext des heutigen Allianzsonntags, auch dieser ein Satz aus der Offenbarung des Johannes:
„Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, so wie auch ich überwunden habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe.“ (Offb 3,21)
Hoffnung und Widerstand, beides klingt in den Worten mit.  
„Wer überwindet“, wer sich nicht unterkriegen lässt von Angst und Schrecken, wer Widerstand leistet gegen Untergangsstimmungen, der wird das Jahr 2012 erleben, ohne dass er die Hoffnung verliert. Der kann die Erfahrung machen, dass er wie auf einem Thron sitzt, auch wenn er sich ganz unten fühlt; der kann erleben, dass Gott ihn verwandelt, auch wenn alles rundherum gottlos erscheint.
Widerstand und Hoffnung: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir helfen mit, dass diese Welt nicht zugrunde gerichtet wird. Wir lassen uns verwandeln durch Jesus Christus,   auch im Blick auf ein mögliches Ende und den Neuanfang.
Da halten wir es mit Martin Luthers großartigem Satz:
„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“
Im Film „2012“ sagt ein Wissenschaftler, als er vor einer schwierigen Entscheidung steht, folgende Worte: „Der Moment, in dem wir nicht mehr füreinander kämpfen, ist der Moment, in dem wir unsere Menschlichkeit verlieren.“
Ich möchte es ergänzen: „Der Moment, in dem wir nicht mehr für unsere Hoffnung beten und für unseren Glauben einstehen, ist der Moment, in dem wir unsere Christlichkeit verlieren.“ Möge Gott uns davor bewahren u. verwandeln.
Amen
 
Pfarrer Stephan Seiler-Thies


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